Wolfram Gündel

Seit beinahe vier Jahrzehnten spielt Wolfram Gündel als Solobratscher im Philharmonischen Orchester Freiburg. Als eines der dienstältesten Mitglieder des Orchesters kann er wie kaum ein Anderer von den großen Umbrüchen im Konzertbetrieb erzählen.

 


 

Herr Gündel, wie lange spielen Sie schon im Philharmonischen Orchester Freiburg?

Seit 1974, also 38 Jahre. Ich habe auch in Freiburg studiert und gehöre zu denjenigen, die zufällig nach Freiburg gekommen und hier ‚hängengeblieben‘ sind. Ich habe das nie bereut. Zufällig war am Ende meines Studiums eine Stelle im Philharmonischen Orchester frei. Auf die habe ich mich beworben und sie auch bekommen. Gleichzeitig habe ich bis heute einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik Freiburg. Diese beiden Arbeiten ergänzen sich sehr gut.

Erwartet junge Musiker, die die Musikhochschule absolviert haben, heute eine andere Welt als noch in Ihren Anfangsjahren?

Auch in unserem Beruf hat sich in den letzten zehn Jahren das ‚Prinzip Praktikum‘ überall durchgesetzt. Das ist eine Win-Win-Situation: Die Studierenden können schon in die Arbeit hineinriechen und meist auf einer halben Stelle Dienst leisten. Und die Arbeitgeber sparen Geld, weil das Gehalt der Praktikanten natürlich geringer ist als bei einem fertigen Profimusiker. Das große Problem heute ist aber, eine feste Stelle zu bekommen. Es gibt heute viel mehr Bewerber auf freie Stellen, einfach durch die große Zahl an guten Musikern, die aus den Musikhochschulen kommen. Wenn man erstmal eine Stelle hat, steht man relativ gut da.

„Es gibt heute viel mehr Bewerber auf freie Stellen, einfach durch die große Zahl an guten Musikern, die aus den Musikhochschulen kommen.“

Als ich vorgespielt habe, waren wir drei Bewerber. Ich musste also nur besser als zwei andere sein. Heute sind es manchmal – gerade bei den Bläser-Stellen – dreihundert und mehr. Neulich gab es bei uns Streichern wieder ein Probespiel, zu dem sich ca. sechzig Teilnehmer beworben haben. Davon jemanden auszusuchen ist wahnsinnig schwer. Auch aus anderen Regionen der Welt drängen inzwischen viele Musiker in die deutschen Orchester, z. B. aus Osteuropa oder aus asiatischen Ländern wie Japan und Südkorea. Bei den Vorspielen wird die Zahl der deutschen Musiker immer kleiner.

In der Anfangszeit des Philharmonischen Orchesters beschwerten sich die Musiker immer wieder über die fehlende finanzielle und soziale Absicherung. Ist eine Stelle als Orchestermusiker heute immer noch so brotlos und unsicher?

Man muss es andersherum sagen: Ein Orchestermusiker in Deutschland – vorausgesetzt, man hat eine Stelle bekommen – ist vergleichsweise gut gesichert. Die Zahl der Orchester, die tatsächlich geschlossen werden, ist nicht so riesig. Gemessen an allen anderen Ländern der Welt haben wir eine beispiellose Kulturdichte. Es gibt in Deutschland mehr als 130 öffentlich finanzierte Orchester, in anderen Ländern nicht. Das hat auch historische Gründe, nämlich die deutsche Kleinstaaterei. Die Herzoge von Coburg, Bayreuth, Darmstadt, Braunschweig und wie sie alle hießen, die haben alle ihre Theater und ihr Orchester gehabt. Und diese Orchester gibt es heute noch. Deswegen ist es so wahnsinnig wichtig, dass wir diese Kultur nicht fahrlässig in Frage stellen. Jedes Orchester oder Theater, das geschlossen wird, ist unwiederbringlich weg.

„Ein Orchestermusiker in Deutschland – vorausgesetzt, man hat eine Stelle bekommen – ist vergleichsweise gut gesichert.“

Für die Musiker hat die große Zahl der Orchester in Deutschland einen wichtigen Vorteil: Wenn man in Deutschland eine Stelle in einem Orchester bekommen hat, behält man sie quasi auf Lebenszeit. Deshalb wirft man uns bis heute manchmal vor: Wenn du eine Stelle hast, dann übst du nicht mehr und hörst auf, nach Größerem zu streben. Früher gab es sogar ‚Musikbeamte‘. Ich habe noch den letzten Musiker im Philharmonischen Orchester kennengelernt, der Beamter war. Aber auch heute gilt im Prinzip: Um aus dem Orchester zu fliegen, müsste ein Musiker schon so schlecht werden, dass man es wirklich merkt. Oder man geht freiwillig früh in Pension, dann meist aus körperlichen Gründen. Einige meiner alten Kollegen haben sich dazu entschieden. Gerade bei Streichern kommt das immer wieder vor. Die Haltung, in der wir unsere Instrumente spielen – dafür ist der Körper nicht gemacht. Es ist ein Unterschied, ob man das eine Stunde am Tag macht, oder ob man über 40 Jahre täglich drei bis sechs Stunden spielt. Dann addiert sich das zum Problem. Zum Glück ist das für mich bei meiner Konstitution bisher kein Problem.

Was hat sich im Philharmonischen Orchester Freiburg in den letzten Jahrzehnten verändert?

Das erste ist, dass unsere Nachwuchskräfte überwiegend weiblich sind. Bis zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus waren Orchester traditionell eine Männerwelt. Am Anfang habe ich noch einige wenige Männer erlebt, die meinten, ein Orchester wäre nichts für Frauen. Das hat sich zum Glück geändert. Inzwischen hatten wir sogar eine Erste Posaunistin. In der Bratschen-Gruppe sind wir im Moment zwei Männer.

Außerdem ist der Nachwuchs besser geworden, eben weil mehr Nachwuchsmusiker aus den Hochschulen kommen und die Konkurrenz größer ist. Oft haben die jüngeren Musiker ein größeres Selbstbewusstsein, als wir es damals hatten. Sie wissen, dass sie gut sind. Andererseits erschwert das manchmal die Integration ins Orchester, wo es für Nachwuchsmusiker oft noch viel zu lernen gibt. Das hängt auch damit zusammen, dass die Lehrer an den Hochschulen häufig Solisten sind, die selber selten im Orchester gesessen haben. Daher wird den jungen Musikern der Orchesteralltag oft nur wenig vermittelt.

Wir haben im Orchester eine sehr gesunde Mischung zwischen den jungen und sehr fitten und den älteren und erfahrenen Musikern. Ein Orchester nur mit jungen Musikern würde nicht funktionieren. Aber genauso wie in anderen Berufen werden Musiker ab einer gewissen Altersgrenze kaum noch neu in einem Orchester eingestellt. Daher ist die Erfahrung der alten Orchestermitglieder umso wichtiger.

Wie sieht der Alltag des Philharmonischen Orchesters aus? Es werden ja nicht nur Sinfoniekonzerte auf der Bühne gespielt, sondern auch Opern im Orchestergraben. Ist das eine Doppelbelastung?

Wir spielen beides, Konzerte und Oper, aber das ist keine Doppelbelastung. Es ist uns egal, ob eine Orchesterprobe für die Oper oder für das Konzert auf dem Plan steht. Und wie ein Arbeitstag aussieht? Es gibt die Möglichkeit, dass er frei ist – das ist meistens der Montag. Ein ‚Dienst‘ bedeutet, einmal am Theater zu sein, egal ob für eine Probe oder Aufführung. Man hat jeden Tag zwei Dienste à 3 Stunden, die können jeweils morgens, nachmittags oder abends liegen. Wir sind gewerkschaftlich geschützt durch den „Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern“, der regelt, wann und wie viele Proben und Dienste durchgeführt werden. Das interessiert uns aber nur im Ernstfall, wenn es wirklich kracht. Wenn es gut läuft, dann sprechen wir einfach von „viel Dienst“ und „wenig Dienst“. Wenn man nur den Zeitaufwand betrachtet, ist der Dienst durchaus machbar. Allerdings wird erwartet, dass wir zuhause arbeiten, dass wir üben und uns fit halten. Das ist individuell verschieden: Der eine muss jeden Tag drei Stunden üben, der andere macht jeden Tag nur 35 Minuten Fingergymnastik. Jemand wie ich, der schon sehr lange im Dienst ist, hat die meisten Opern schon mehrfach gespielt – dadurch ist der Übungsaufwand kleiner. Aber wenn Bratschen-Soli im Stück vorkommen, muss ich die natürlich gut spielen und dafür auch gut üben.

„Sechs Stunden Götterdämmerung – das ist Sport.“

Was Außenstehende nicht sehen: Wenn wir im Graben oder auf die Bühne sitzen, dann ist das mentale Höchstleistung. Selbst bei einer von Wagners Ring-Opern, bei der man zwischendrin auch einmal 64 Takte Pause hat, muss man immer präsent sein und die Takte zählen. Als Stimmführer bin ich dafür verantwortlich, dass wir richtig spielen. Wenn Pausen sind, muss ich zählen und der Kollege, der neben mir sitzt, möglichst auch. Ein Musiker zählt eigentlich immer, zumindest wenn er vorn sitzt. Das ist für mich zu einer Obsession geworden. Ich zähle alles, auch meine Schritte oder wenn ich Möhren schneide. Ich ertappte mich jedes Mal dabei, dass ich am Ende sagen kann: Das waren jetzt 29 Schritte. Die Arbeit eines Orchestermusikers ist also höchst konzentriert. Aber auch da gibt es natürlich Unterschiede. Wenn ich eine Lortzing-Oper spiele, bin ich nicht so angespannt wie bei einer Strauss-Oper oder auch einer Mozart-Oper. Aber hinterher ist man fertig. Inzwischen haben wir Wagners Ring vier Mal gespielt inklusive all der Proben, die dazugehören. Das ist dann nicht mehr nur eine mentale, sondern auch eine sportliche Höchstleistung. Sechs Stunden Götterdämmerung – das ist Sport.

Freiburg ist eine Stadt mit sehr vielen hochkarätigen Orchestern. Es gibt z. B. auch das SWR Sinfonieorchester und das Freiburger Barockorchester. Wie ist das Verhältnis zu diesen ‚Konkurrenten‘?

Die Gehälter der Orchestermusiker unterscheiden sich teilweise recht deutlich, z. B. im Vergleich zum benachbarten SWR-Orchester. Funk-Musiker verdienen deutlich mehr als die jungen Mitglieder in unserem Orchester. Aber wir sind Kollegen und wir schätzen uns. Und die Qualitätsunterschiede in unserer Arbeit sind sicher nicht mehr so groß, wie es das Geld suggeriert. Dadurch, dass die Auswahl an guten Musikern heute so viel größer ist, sind inzwischen auch die kleineren Orchester sehr gut aufgestellt.

Als das Konzerthaus neu gebaut wurde und der damalige Bürgermeister Böhme sich persönlich dafür einsetzte, dass es auch zur Spielstätte des SWR-Orchesters wird, hatten wir schon ein bisschen Angst, dass sie uns das Wasser abgraben. Wir dachten einfach, die spielen in einer anderen Liga. Es gibt aber einen Staatsvertrag zur Gründung der Funkorchester nach dem Zweiten Weltkrieg, der regelt, dass Funkorchester nur das spielen dürfen, was die eingesessenen Orchester nicht spielen, nämlich vor allen Dingen Neue Musik. Und auch die Zuschauerzahlen haben unsere Befürchtungen nicht bestätigt, so dass es heute keine Vorbehalte mehr gibt. Wir mögen uns.

Der Generalmusikdirektor ist nicht nur der ständige Dirigent des Orchesters, er trifft als Chef auch alle wichtigen künstlerischen Entscheidungen und erstellt zum Beispiel das Konzertprogramm. Sie haben in den letzten vier Jahrzehnten viele Generalmusikdirektoren kommen und gehen sehen. Welche sind Ihnen besonders in Erinnerung?

Mein erster Chef war von 1974 bis 1975 Marek Janowski, mit dem ich bis heute Kontakt habe. Als ich damals als Student hier anfing, hat er etwas seine Hand über mich gehalten. Auch Donald Runnicles, der nun Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper in Berlin ist, war ein Leuchtturm für mich. Sehr beliebt im Orchester ist vor allem Gerhard Markson, der in Freiburg zweimal für jeweils ein Jahr als Interimschef gearbeitet hat. Er wusste ausgesprochen gut, wie man mit Menschen im Allgemeinen und Orchestermusikern im Speziellen umgeht. Und unseren derzeitigen Generalmusikdirektor Fabrice Bollon mag ich sehr gern, denn er sorgt für eine angenehme Atmosphäre im Orchester. Er verfolgt beispielsweise die sehr kluge Politik, für viele Konzerte keine Solisten von auswärts zu verpflichten, sondern Musiker aus dem Orchester als Solisten auftreten zu lassen. Das gab es früher relativ selten, zumindest haben die eigenen Solisten nicht die ganz großen Werke gespielt. Man dachte, ein Brahms-Konzert muss immer von einem berühmten Solisten gespielt werden, damit die Leute ins Konzert gehen. Das ändert sich zum Glück. Heute dürfen auch Solisten aus dem Orchester die großen Konzerte spielen. Wir haben in Freiburg inzwischen ein so gewachsenes Publikum, mit dem das möglich ist.

Was erwartet ein Orchestermusiker von seinem Dirigenten?

„Ein guter Dirigent merkt, welche Fehler die Musiker von allein geraderücken.“

Anders als in fast allen Berufen arbeitet man als Orchestermusiker mit mehreren Dutzend Menschen in einem Raum zusammen. Ich sitze mit meinem Kollegen an einem Pult länger zusammen als zuhause mit meiner Frau. Die menschliche Komponente kommt in dieser Arbeit also sehr stark zum Tragen. Wenn man jemanden nicht mag, kann man nicht einfach gehen und die Tür schließen. Dadurch kann es zu emotional sehr aufgeladenen Situationen kommen. Ein guter Dirigent versteht es, diese Situationen konstruktiv zu nutzen. Es ist die ganz große Kunst, zu entscheiden, wie viel ich zulasse und wie viel ich mit Autorität unterbinde. Es gibt leider auch Dirigenten, die keinerlei Vertrauen zu den Musikern haben, die schon bei der ersten Probe alle kleinsten Fehler korrigieren und den Musikern keine Gelegenheit geben, sich selbst zu verbessern. Ein guter Dirigent dagegen merkt, welche Fehler die Musiker von allein geraderücken und welche Stellen er wirklich diskutieren und bearbeiten muss. Wer das beherrscht, wird von den Musikern geachtet.

Welchen Kontakt haben Sie zum Konzertpublikum?

Ich habe vor Kurzem selbst als Zuhörer in einem Konzert unseres Orchesters gesessen – erst das zweite Mal in meinem Leben. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Durchschnittsalter des Publikums inzwischen relativ hoch ist. Es ist schade, dass so wenig junge Menschen den Weg in den Konzertsaal finden und Kontakt zum Orchester und den Menschen um sie herum aufbauen können. Deswegen ist die Jugendarbeit so wichtig, die hier am Haus und auch in Deutschland geleistet wird. Man hat eingesehen, dass wir die Jungen hereinholen müssen. Ich persönlich spiele die Kinderkonzerte ausgesprochen gern und habe mich dafür auch oft freiwillig zum Dienst eingetragen. Meiner Erfahrung nach funktioniert es dabei am besten, wenn wir uns ganz auf die Magie und die Kraft der Musik verlassen, und nicht versuchen, der Coolness von Fernsehen und Computer Konkurrenz zu machen.

Es ist auch wichtig, nicht nur dem Publikumsgeschmack zu folgen. Wenn wir das tun, landen wir ganz schnell in der angloamerikanischen Sponsorenkultur. Dann geht es nur noch um die Auslastung des Saales, es würden nur noch die Hitparaden der Oper und der Konzerte gespielt. Wenn wir dagegen öffentlich subventioniert werden, ist das der einzige Weg, um die Freiheit der Kultur zu bewahren.

„Ich empfinde als Freiburger einen gewissen Stolz, dass wir jetzt einen ordentlichen Konzertsaal haben, der standesgemäß für die Stadt ist.“

1996 wurde das neugebaute Konzerthaus eröffnet und zur neuen Spielstätte des Philharmonischen Orchesters. Was hat dieser Umzug für das Orchester bedeutet?

Der Umzug ins Konzerthaus war einfach fällig, weil es zu diesem Zeitpunkt in Freiburg keinen richtigen Konzertsaal gab. Wir haben immer im Großen Haus des Theaters gespielt, das war zwar okay aber eben einfach kein Konzertsaal. Doch ein neuer Konzertsaal ausschließlich für städtische Institutionen war finanziell nicht zu machen. Daher sollte ein Kongresszentrum entstehen, das auch für Gastspiele und andere Veranstaltungen geeignet war. Das war damals ganz stark umstritten, weil viele Leute gegen eine solche kommerzielle Nutzung waren. Inzwischen hat sich das beruhigt. Ich finde den neuen Saal einfach klasse, er hat sich bewährt und die Akustik ist weitestgehend gut. Der einzige Nachteil für uns als Musiker ist, dass wir uns gegenseitig quer über die Bühne nicht so gut hören, wie es sein sollte. Aber der Saal wird gut angenommen und der Betrieb mit den verschiedenen Haus- und Gastorchestern funktioniert. Das ist für mich ausschließlich positiv.

Hat das neue Konzerthaus auch das Selbstbewusstsein des Orchesters gestärkt?

Vielleicht ein bisschen. Ich empfinde aber eher für mich als Freiburger einen gewissen Stolz, dass wir jetzt einen ordentlichen Konzertsaal haben, der auch standesgemäß für die Stadt ist. Denn es gibt wenige Städte in Deutschland, die kulturell so ein breites Angebot haben. Und gemessen an den Einwohnerzahlen ist die Auslastung des Konzertsaals sehr gut.

Schon vorher, Ende der 1980er-Jahre, wurde das Philharmonische Orchester von 60 auf 66 Musiker vergrößert und so vom C- zum B-Orchester erhoben. Welchen Effekt hatte diese Höherstufung auf das Orchester?

Auch das war damals überfällig. Natürlich ist mit der Höherstufung nicht schlagartig alles besser geworden, denn das Orchester bestand ja immer noch aus denselben Leuten. Das geschah erst langsam durch die personelle Fluktuation. Heute ist das Orchester besser als zu dem Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe. Das mag aber auch mit einer Zäsur, einem Generationenwechsel zusammenhängen. In den 80er-Jahren sind sehr viele Musiker etwa zeitgleich in Pension gegangen, nämlich die, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Orchester begonnen hatten. In ganz Deutschland schied zu dieser Zeit die erste Nachkriegsgeneration von Musikern aus dem Betrieb aus. Deswegen hat man in den 1980er-Jahren sehr gut eine Stelle in einem Orchester bekommen können. Auf einmal wurde auch unser Orchester jünger und weiblicher. Das hat dem Orchester gutgetan.

Manchmal verlässt aber auch das Philharmonische Orchester seine Freiburger Heimat. Welche Rolle spielen Reisen für die Orchesterarbeit?

Wir machen heute weniger Gastspiele in der Region als früher, aber dafür hochkarätigere. Besonders schön für das Orchester sind natürlich die großen Reisen, von denen wir leider nicht allzu viele gemacht haben. Bei mittelgroßen Orchestern ist das auch nicht so üblich. Wir waren aber in Freiburgs Partnerstädten Granada und Innsbruck. Die weiteste Reise vor ein paar Jahren war nach Japan, dort haben wir in Freiburgs Partnerstadt Matsuyama über ca. zwei Wochen sieben oder acht Konzerte gespielt. Diese größeren Reisen sind zwar sehr anstrengend, aber man lernte seine Kollegen auf anderen Ebenen kennen. Das schweißt ein Orchester zusammen. Daher denke ich sehr gern an diese Reisen zurück und auch viele Kollegen wünschen sich, dass wir so etwas noch einmal machen.

Welche Wünsche haben Sie außerdem für die Zukunft des Orchesters?

Der wichtigste Wunsch ist immer, dass das Orchester auf so viele Stellen vergrößert wird, dass wir alle Werke mit unserer eigenen Besetzung spielen können. Für alles, was über eine Beethoven-Sinfonie hinausgeht, müssen wir zurzeit das Orchester mit Gastmusikern aufstocken. Das sind vor allem Praktikanten oder ehemaligen Praktikanten, die hier in Freiburg studieren. Früher waren es auch Aushilfen von den benachbarten Orchestern, z. B. aus Karlsruhe. Das funktioniert schon sehr gut, aber es ist eben doch nicht unsere eigene Besetzung. Deshalb wäre eine Höherstufung zu einem A-Orchester schon eine deutliche Verbesserung.

 

Das Interview führte Georg Feitscher am 19. Juli 2012.