Myriam Stahlberger

Die Flötistin Myriam Stahlberger, Jahrgang 1983, ist eines der jüngsten Orchestermitglieder. Sie erzählt, wie sie Ihren Eintritt ins Orchester erlebt hat und was die Arbeit im Philharmonischen Orchester auszeichnet.

 


 

 

Frau Stahlberger, wie lange spielen Sie im Philharmonischen Orchester Freiburg?

Seit Mai 2011. Vorher habe ich schon bei den Essener Philharmonikern gespielt, war Praktikantin beim SWR und hatte dann bei den Hamburger Symphonikern eine befristete Stelle. Aber hier beim Philharmonischen Orchester Freiburg habe ich meine erste feste, unbefristete Stelle bekommen – das ist natürlich toll.

Was mussten Sie auf sich nehmen, um Flötistin im Philharmonischen Orchester zu werden?

Die Stelle war ausgeschrieben und ich habe mich auf sie beworben. Dann habe ich beim Probespiel mit ungefähr 25 anderen Kandidaten vorgespielt. Daraufhin wurde ich zu einem Probekonzert eingeladen, sodass ich zusammen mit dem Orchester proben und bei zwei Konzerten mitspielen konnte. Die Orchestermusiker hatten so Gelegenheit, mich kennenzulernen. Sie konnten sehen, wie ich mich in die Gruppe integriere und ob es zwischen uns passt. Danach wurde noch mal abgestimmt und ich habe die Stelle vorläufig bekommen, musste aber noch ein halbes Jahr Probezeit absolvieren. Danach wurde dann noch einmal abgestimmt und ich habe die Stelle endgültig bekommen.

Wer hat über Ihre Aufnahme entschieden?

Das entscheidet das Orchester im Prinzip selbst. Da ich Querflöte spiele, bestand meine Probespielkommission aus allen Holzbläsern, Schlagzeug und Harfe – also die Musiker, die im Orchester ganz in meiner Nähe sitzen.

„Ein Probejahr kann schon hart sein, aber in meinem Fall hat es menschlich und musikalisch gut gepasst.“

Wie haben Sie diese Probezeit erlebt?

Das Orchester war sehr nett zu mir und ist schon bei den Probenkonzerten sehr freundlich auf mich zugekommen. Natürlich war ich manchmal angespannt und wusste nicht ganz, was mich erwartet und was meine Kollegen von mir erwarten. Aber ich habe mich auf das konzentriert, was ich kann, und einfach gespielt. Ich hatte schon während der Probewoche und den beiden Probekonzerten ein gutes Gefühl. Und als ich die Stelle vorläufig bekommen hatte, waren alle sehr nett und haben mich offen und herzlich aufgenommen und sich gefreut, dass ich im Orchester bin. Ich hatte nie das Gefühl, dass es grundsätzliche Dinge gibt, die problematisch wären. Es hat immer gepasst. Und kleinere Dinge wie Artikulationsfragen konnten wir ganz problemlos ansprechen. Ich glaube, ein Probejahr kann schon hart sein, aber in meinem Fall hat es menschlich und musikalisch gut gepasst.

Welche Bedeutung hat die menschliche Komponente in einem Orchester?

Die menschliche Komponente ist auf jeden Fall sehr wichtig. Wenn ich ins Orchester gewählt werde, bleibe ich mit den Musikern dort ja im äußersten Fall bis zur Rente zusammen. Man muss sich schon vorstellen können, dass man solange miteinander auskommt. Wichtig ist vor allem, dass man sich mit den Kollegen in der eigenen Instrumentengruppe versteht, also in meinem Fall die Flötengruppe und die anderen Holzbläser. Denn die sitzen ja direkt um einen herum.

Was war der erste Eindruck, den das Philharmonische Orchester ganz zu Beginn auf Sie gemacht hat – auch im Vergleich zu den anderen Orchestern, in denen Sie gespielt haben?

Es gibt eine sehr nette Atmosphäre im Philharmonischen Orchester. Ich hatte das Gefühl, die Musiker hier spielen gern zusammen und kommunizieren miteinander. Man kann sehr gut auf seine Kollegen zugehen und z. B. schwierigere Stellen zusammen durchgehen. Solch ein gutes Zusammenspiel ist nicht in jedem Orchester selbstverständlich.

Wie funktioniert die Kommunikation in so einer heterogenen Gruppe wie dem Philharmonischen Orchester? Wie verstehen sich z. B. die jüngeren mit den älteren Musikern?

Ich glaube, das hat gar nicht viel mit dem Alter zu tun. Wenn die Leute aufgeschlossen sind und jeder den anderen akzeptiert, dann kann das sehr gut funktionieren. Ich habe einen genauso netten Kontakt zu älteren wie zu jüngeren Kollegen. Ich empfinde die Erfahrung der älteren Kollegen als sehr bereichernd. Oft sind die älteren Kollegen viel gelassener, weil sie ein Stück schon etliche Male gespielt haben. Insbesondere wenn ich ein Werk zum ersten Mal spiele, finde ich die Ruhe der erfahreneren Kollegen sehr angenehm.

Wenn doch mal Probleme auftreten, wie werden die gelöst?

Es kann in jedem Orchester mal Probleme geben wie in jedem anderen Betrieb auch. Manchmal kommt es zu Problemen zwischen verschiedenen Instrumentengruppen, die schwer zu lösen sind. In einigen Orchestern gibt es Mediatoren, die helfen, solche Konflikte zu lösen.

Was sind heute die größten Sorgen eines Orchestermusikers?

Wir bekommen ja mit, was in Deutschland insgesamt passiert. Viele Orchester werden von der Auflösung bedroht. Natürlich hat man da ein bisschen Angst, dass so etwas in Freiburg auch passiert. Deswegen ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes immer noch ein Thema.

Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Orchester Männersache. Glücklicherweise hat sich das geändert. Aber werden Frauen im Orchester trotzdem manchmal noch anders behandelt?

Das kann man auf keinen Fall generell sagen. Gerade unter den Flötisten sind mittlerweile eher die Männer in der Minderzahl. Aber ich glaube, es gibt schon noch einige Dirigenten ‚vom alten Schlag‘, die Frauen anders behandeln als Männer. Das habe ich schon erlebt. Manchmal sind sie sich dessen aber vielleicht auch gar nicht bewusst.

„Musiker wollen gefordert sein. Wenn sie das spüren, dann ist schon viel Sympathie für den Dirigenten da.“

Was erwarten Sie von einem guten Dirigenten?

Wichtig ist, dass er respektvoll mit dem Orchester umgeht und uns kollegial behandelt. Wir haben als Musiker ja auch alle studiert und haben Ahnung von der Materie. Toll finde ich es, wenn ein Dirigent gut vorbereitet ist und eine genaue Vorstellung hat, wie das Stück klingen soll. Natürlich muss er es dann in den Proben schaffen, dem Orchester diese Vorstellung zu vermitteln. Ich finde, ein Dirigent muss schon streng sein, aber auf positive Art. Wenn er eine bestimmte Vorstellung hat, sollte er diese auch konsequent verfolgen. Andererseits muss er auch manchmal Anregungen aus dem Orchester aufnehmen können, wenn es sinnvoll ist, eine Stelle anders zu spielen. Musiker wollen gefordert sein. Wenn sie das spüren, dann ist schon viel Sympathie für den Dirigenten da. Wenn ein Dirigent aber zu schnell zufrieden ist oder wenn das Orchester merkt, dass er trotz seiner Unzufriedenheit nichts sagt, dann ist auch das Orchester unzufrieden.

Wie ist die Arbeit unter dem derzeitigen Generalmusikdirektor Fabrice Bollon?

Er hat eine sehr nette Art mit dem Orchester umzugehen, die Stimmung ist gut. Er geht in den Proben auch gerne auf die musikalischen Angebote des Orchesters ein. Außerdem stellt er immer wieder tolle Projekte auf die Beine, wie z. B. den Ring von Wagner komplett aufzuführen, die dem Theater und natürlich auch dem Orchester großen Erfolg bringen. Mit breitgefächerten Programmen von Barock bis Moderne fordert er das Orchester heraus und fördert somit auch die Klangflexibilität des Orchesters.

Wie ist das Verhältnis zu den anderen großen Orchestern in der Stadt, z. B. dem SWR Sinfonieorchester und dem Freiburger Barockorchester?

Unsere Flötengruppe spielt mit der Flötengruppe des SWR Sinfonieorchesters teilweise gegenseitige Aushilfe, daher kennen wir uns und das Verhältnis ist sehr nett. Aber das Profil der beiden Orchester ist im Grunde sehr unterschiedlich: Wir sind ein Orchester für die Stadt und spielen neben Konzerten auch Opern. Das SWR-Orchester dagegen ist ein reines Konzertorchester, reist viel und spielt viel Neue Musik. Ich denke, die Stadt hat von allen drei Orchestern etwas, eben weil sie sich ideal ergänzen und nicht konkurrieren.

Damit haben Sie die zwei Daseinsformen des Philharmonischen Orchesters angesprochen: Einerseits steht es im Sinfoniekonzert sichtbar auf der Bühne, andererseits sitzt es während der Opern unsichtbar im Orchestergraben. Ist der Opernbetrieb eher eine zusätzliche Belastung oder eine Bereicherung?

Im Orchestergraben ist eine andere Situation als in Sinfoniekonzerten, bei denen alle Musiker auf der Bühne präsent sind. Aber ich finde das toll und abwechslungsreich. Ich kenne ja noch sehr wenige Opern aus meiner bisherigen Arbeit in Orchestern. Es ist toll, dass ich sie jetzt kennenlernen kann. Die Atmosphäre ist gut und die Arbeit eine Bereicherung gegenüber einem reinen Konzertorchester.

„Im Orchestergraben ist eine andere Situation als in Sinfoniekonzerten, bei denen alle Musiker auf der Bühne präsent sind.“

Die Interaktion mit dem Geschehen auf der Bühne während einer Oper ist sehr komplex. Da es für die Musiker unmöglich ist, die Bühne zu sehen, ist eine optimale Koordination durch den Dirigenten gefordert. Natürlich wäre es schon schön, wenn jeder Musiker seinen eigenen Bildschirm hätte… aber dann würden wohl auch viele Einsätze danebengehen, weil alle nur noch zuschauen… (Lacht).

Ein Vorteil am Opernbetrieb ist auch, dass man die Werke oft spielt und gut kennenlernt. Beim Symphoniekonzert spielen wir die Werke ja immer nur einmal, da kommt es dann drauf an und muss klappen. Bei einer Oper hat man dagegen viele Vorstellungen. Das ist spannend, denn da passiert immer etwas anderes. Die Sänger sind manchmal etwas schneller und manchmal etwas langsamer. Man lernt, flexibel zu sein.

Darüber hinaus machen wir übrigens auch noch andere Projekte. Zuletzt haben wir bei einer Gala beim Zeltmusikfestival ein Crossover-Konzert zusammen mit dem Cécile Verny-Jazzquartett und Künstlern aus dem Pop-Bereich wie Max Mutzke gespielt. Mir hat das viel Spaß gemacht. Akustisch ist es manchmal schwierig, weil die Lautsprecher nach vorn gerichtet sind und wir daher die Sänger schlechter hören als etwa in der Oper. Aber ab und zu finde ich solche Projekte super.

Kann man sich als Musiker in einem Orchester selbst künstlerisch verwirklichen?

Auf jeden Fall. Es ist aber trotzdem gut, wenn man nebenher z. B. noch Kammermusikkonzerte spielt, in denen man auf andere Weise gefordert wird. Im Orchester selbst geht es aber nicht nur um die Einzelleistung, sondern auch darum, als Gruppe etwas auf die Beine zu stellen. Das bedeutet natürlich auch, dass man sich teilweise zurücknimmt und die anderen unterstützt. Im Studium dagegen wird man hauptsächlich solistisch ausgebildet. Aber als Orchestermusiker ist man häufig kein Solist.

Orchestermusiker zu sein ist eben auch ein Beruf. Das merkt man insbesondere dann auch körperlich, wenn man viel Dienst hat. Man geht nicht nach jedem Konzert total erfüllt heim, sondern ist manchmal auch einfach müde. Das ist aber okay. Es gibt wahrscheinlich keinen Beruf, in dem das anders wäre. Auf der anderen Seite gibt es aber so viele schöne musikalische Momente und immer die Anerkennung durch den Applaus des Publikums. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und Orchestermusiker zu sein fordert mich auf sehr differenzierte und komplexe Weise, man muss unglaublich wach sein und hochkonzentriert, deshalb bleibt es immer wieder spannend.

Wenn Sie direkten Einfluss auf das Programm des Philharmonischen Orchesters hätten, wie würden Sie es gestalten?

Das habe ich mir ehrlich gesagt noch nie so richtig überlegt.

Wie gefällt Ihnen denn als Musikerin das derzeitige Programm des Philharmonischen Orchesters, das von zeitgenössischer Musik bis hin zu Barockopern reicht?

Insgesamt sehr gut. Neue Musik kann eine Herausforderung sein, ist aber häufig sehr anstrengend. Da gibt es oft Stücke, in denen sich nichts aus dem Zusammenhang ergibt, sondern in denen man wirklich Takt für Takt schauen muss. Und erst wenn alle zusammenspielen entsteht ein Sinn. Super finde ich aber vor allem, dass wir Barockopern wie z. B. Rinaldo spielen. Die Streicher benutzen dann Barockbögen und es gibt Ansätze einer historischen Aufführungspraxis. Wir können natürlich nicht mit dem Freiburger Barockorchester konkurrieren, wo die Musiker eine spezielle Ausbildung in Alter Musik haben. Aber wir bemühen uns, diesen Weg einzuschlagen. Fabrice Bollon sagt auch immer wieder, dass ihm das sehr wichtig ist. Es hilft dem Orchester auch, flexibel zu bleiben und klanglich eine breite Palette zu entwickeln und zu pflegen. Eine Wagner-Oper spielt man schließlich anders als eine Zauberflöte.

„Manche gehen zum SC Freiburg und andere kommen hierher zum Wagner.“

Wie ist das Verhältnis zwischen dem Orchester und der Stadt? Wie viel Kontakt haben Sie zum Publikum?

Das wichtigste Feedback ist immer der Applaus. An dem merkt man schon Unterschiede, ob ein Konzert begeistert angenommen wird oder ob die Zuhörer es nicht so gut fanden – dann gibt es vielleicht auch mal verhaltenen Applaus. Bei Wagners Ring z. B. war die Begeisterung riesig. Da standen Zuschauer in der ersten Reihe, haben vor Begeisterung geschrien und sind total aus sich heraus gegangen. Da dachte ich: Manche gehen zum SC Freiburg und andere kommen hierher zum Wagner. Das ist schon toll, wenn man die Leute so begeistern kann.

Direkten Kontakt habe ich vor allem mit Bekannten, die in der Aufführung waren. Aber mit Leuten, die ich nicht kenne, habe ich mich nach dem Konzert noch nie unterhalten. Dafür gibt es auch wenige Gelegenheiten. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Kontakt vielleicht eher in Kammermusikkonzerten entsteht, aber ich habe hier noch keins gespielt. Allerdings kenne ich aus Kammermusikkonzerten unabhängig vom Philharmonischen Orchester durchaus den Kontakt mit dem Publikum in Gesprächen direkt danach, das ist immer schön, wenn man die Reaktionen des Publikums hautnah mitbekommt.

Man sieht relativ wenig junge Menschen in den Konzerten. Ist das ein Thema im Orchester?

Ich finde, dass wir durchaus auch viele junge Leute ansprechen. Außerdem gibt es am Theater Freiburg eine Jugendarbeit, wir spielen Kinderkonzerte und sogar Babykonzerte und sind bestrebt, Jugendliche für unsere Musik zu begeistern. Ende der letzten Spielzeit gab es ein gemeinsames Konzert mit dem Freiburger Musikschulorchester, das war total nett. Bei der jüngeren Generation hängt vielleicht auch viel davon ab, aus welcher Familie man kommt, ob es bei den Eltern eine Begeisterung für klassische Musik gibt.

Kommen Sie aus einer Musikerfamilie?

„Eine große Tournee außerhalb Europas wäre toll.“

Nein. Meine Eltern gehen nur ins klassische Konzert, wenn ich spiele. Sie waren deshalb in Freiburg schon in vielen Opern und finden das toll. Aber sie würden wohl niemals von sich aus nach Karlsruhe oder Stuttgart fahren, weil dort grad etwas Tolles läuft. Sie gehen aber gerne in Jazz-und Rockkonzerte und mein Vater spielt Gitarre und übt seit einigen Jahren jeden Tag, was ich sehr bewundere.

Haben Sie einen großen Wunsch, was Sie in den nächsten Jahren gern mit dem Philharmonischen Orchester tun oder erleben würden?

Eine große Tournee auch außerhalb Europas wäre toll. Ich finde es schade, dass ich bei der Orchesterreise nach Japan noch nicht dabei war. Sowas fänd ich sehr schön. Das schweißt das Orchester nochmal ganz anders zusammen und man bekommt etwas ganz anderes zu sehen. In der nächsten Spielzeit werden wir ein paar kleinere Tourneen spielen, unter anderem in Fribourg in der Schweiz und in Marktoberdorf im Allgäu. Überhaupt spielen wir regelmäßig in anderen Städten der Region, wie z. B. Ludwigsburg oder Schwetzingen.

Ein großartiger Vorschlag wäre auch die Heraufstufung des Philharmonischen Orchesters zu einem A-Orchester. Während meiner Zeit bei den Hamburger Symphonikern habe ich das sogar erlebt: Das Orchester wurde vom B zum A-Orchester hochgestuft, was eine Vergrößerung des Orchesters, d. h. mehr Stellen und mehr Gehalt für die Orchestermusiker bedeutet. Das wäre für das Orchester enorm motivierend. Aber so ein Schritt ist wohl eher ungewöhnlich und wir müssen froh sein, wenn alles so gut bleibt, wie es jetzt ist. Wir vertrauen auf die Unterstützung der Stadt.

 

Das Interview führte Georg Feitscher am 20. Juli 2012.