Matthias Plümer

Porträt von Matthias Plümer (Foto: Georg Feitscher)

Als Technischer Direktor sorgte Matthias Plümer über viele Jahre dafür, dass der Opern- und Konzertbetrieb stattfinden konnte. Seine Liebe zur Musik liegt in der Familie: Schon Plümers Vater war Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters.

 


 

Herr Plümer, als langjähriger Technischer Direktor des Theater Freiburg hatten Sie wesentlichen Anteil daran, den Konzert- und Opernbetrieb der Philharmonischen Orchesters zu ermöglichen. Doch lassen Sie uns zunächst über Ihren Vater sprechen – der war nämlich viele Jahre lang der 1. Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters Freiburg.

Ja, mein Vater Richard Plümer ist 1928 nach Freiburg gekommen und hat bei den 1. Violinen gespielt. Nach dem Krieg war er 1. Konzertmeister bis zu seinem Ausscheiden aus dem Orchester. Was ich nicht wusste und was der Geschäftsführer Herr Dr. Engert zu meiner Verabschiedung herausgefunden hat: Mein Vater war insgesamt 38 Jahre am Theater in Freiburg beschäftigt und 16 Jahre davon als 1. Konzertmeister. Ich selbst war auch 38 Jahre am Theater Freiburg und 16 davon als Technischer Direktor. Das sind natürlich spannende Parallelen.

Ich habe meinen Vater noch live miterlebt, wie er im Orchester spielte. Als ich ein kleiner Junge von neun oder zehn Jahren war, hat er mich manchmal in die Vorstellungen am Sonntagnachmittag mitgenommen. Dann durfte ich vorne neben dem Dirigenten auf den Stufen sitzen. Wenn man als Kind nur einen Meter groß ist und sitzt dann auf der Treppe vom Kapellmeister und hat ein dröhnendes Orchester vor sich, dann ist das natürlich schon beeindruckend.

„Wenn man als Kind nur einen Meter groß ist und sitzt dann auf der Treppe vom Kapellmeister und hat ein dröhnendes Orchester vor sich, dann ist das natürlich schon beeindruckend.“

Es gibt ein Erlebnis, an das ich mich erinnere: Bei einer Aufführung der Lustigen Witwe von Franz Lehár gab es Dialoge auf der Bühne, die waren so lang, dass einige Orchestermusiker derweil aus dem Orchestergraben herausgegangen sind. Als ich das sah, habe ich ganz laut zu meinem Vater gesagt: „Papi, jetzt gehn ma, komm!“, was natürlich bei den restlichen Orchestermitgliedern zu einem Schmunzeln führte.

Mein Vater war der übrigens auch der letzte Beamte im Philharmonischen Orchester.  Nachdem mein Vater pensioniert wurde, hat er sich voll und ganz der Kammermusik gewidmet und noch bis zu seinem Tod im Alter von 93 Jahren Geige gespielt.

Welche Geschichten hat Ihr Vater aus seiner langen Tätigkeit im Philharmonischen Orchester erzählt?

Er hat immer wieder erzählt, dass das Freiburger Theater am Rande des Aufgebens stand. Das Orchester war immer chronisch unterfinanziert. Mein Vater hat nach dem Krieg, das Theater war zerstört, viele Kammerkonzerte mit dem damaligen Oberbürgermeister Hoffmann gegeben, um den Wiederaufbau des Theaters zu unterstützen. Der Leuchter, der heute noch im Foyer des Theaters hängt, den hat mein Vater zusammen mit Herrn Hofmann erspielt. 

Ansonsten war der wichtigste Kampf nach dem Krieg, in der Hierarchie der Orchester weiter aufzusteigen. Deswegen ist das Orchester heute da, wo es ist. Beigetragen hat dazu vielleicht auch die große Konkurrenz in Freiburg. Als das Konzerthaus neu entstand, fand ich es anfangs nicht gut, dass auch das SWR-Orchester dort einziehen sollte. Außerdem gab es die Albert-Konzerte, bei denen unter anderem die Orchester aus Bamberg, München und Berlin zu Gast waren. Aber irgendwann habe ich meine Meinung revidiert. Eigentlich ist diese Konkurrenz ganz gut, denn sie ist ein Ansporn. Man hat in dieser Zeit innerhalb des Philharmonischen Orchesters eine enorme Entwicklung gemerkt. Ob es nun bis zum A-Orchester reicht, weiß ich nicht. Das ist schwierig. Das Freiburger Theater war immer schon eine Sprung-Bühne. Von hier gingen einige Künstler weg, Sänger, Orchestermitglieder und Dirigenten, die nachher groß herauskamen.

Hat Musik bei Ihnen zuhause eine große Rolle gespielt?

Eine wahnsinnig große. Ich habe von zuhause einiges mitgekriegt und natürlich interessiert mich klassische Musik. Für meinen Vater gab es nur das Theater und nur die Musik. Ursprünglich wollte ich auch in den künstlerischen Bereich gehen. Mein Bruder und ich hatten bei unserem Vater lange Jahre Geigenunterricht. Er war ein sehr strenger Lehrer, der viel Wert auf Technikübungen legte. Mit 13 Jahren war mir das alles zu anstrengend und ich habe die Geige heulend auf den Flügel gelegt und erklärt: „Danke, jetzt habe ich keine Lust mehr“. In der Schule entdeckte ich dank  meiner sehr guten Musiklehrerin den Gesang. Es war sogar lange Zeit mein Wunsch, Sänger zu werden. Aber mein Vater wollte, dass ich erst einmal etwas anderes lerne, leider habe ich mich aber nicht durchsetzen können.

Statt einer künstlerischen Laufbahn haben Sie dann eine Karriere als Bühnentechniker am Theater Freiburg verfolgt. Wie ist es dazu gekommen?

1968 habe ich mich entschlossen in den Technischen Bereich des Theaters zu gehen. Der damalige Technische Direktor von Bremerhaven hat mir den Beruf schmackhaft gemacht. Die Ausbildung als Maschinenschlosser, Bühnenhandwerker, Prüfung zum Theatermeister und Beleuchtungsmeister waren die damaligen Grundvorraussetzungen. Ich war Maschinenschlosser in Freiburg, danach Bühnentechniker an den Ruhrfestspielen Recklinghausen und am Theater Wuppertal. 1975 habe ich die Prüfung zum Theatermeister gemacht und bin als selbiger nach Freiburg gegangen. 1978 habe ich hier auch die Prüfung zum Beleuchtungsmeister gemacht.

Seit 1975 waren Sie am Theater Freiburg in der technischen Abteilung angestellt, ab 1996 in der ranghöchsten Position als Technischer Direktor. Wie viel Kontakt hatten Sie bei Ihrer Arbeit zum Konzertbetrieb?

Als Theatermeister hatte ich engen Kontakt sowohl zur Oper als auch zu den Konzerten. Denn die Konzerte fanden ja früher im Großen Haus statt. Später als Technischer Direktor entstanden dann freundschaftliche Kontakte zu den Generalmusikdirektoren und zur Orchestergeschäftsführung – das gab es vorher so nicht.

„Wenn die nicht den Orchestergraben verlassen, dann läuft die Vorstellung nicht.“

Und wie funktionierte Ihre Zusammenarbeit mit den Musikern des Philharmonischen Orchesters?

Manchmal gab es durchaus Streitereien mit Orchestermitgliedern, zum Beispiel wenn wir Techniker am Abend noch bis kurz vor Beginn einer Oper die Bühne aufbauen mussten. Da gab es ein paar Orchestermitglieder, die immer wieder frühzeitig in den Orchestergraben gingen und schon einmal ihre Instrumente stimmten. Das hat uns dann enorm gestört, weil wir konzentriert und teilweise unter schwebenden Lasten arbeiten müssen. Da konnten wir es nicht gebrauchen, wenn unten im Orchestergraben Musiker noch schwierige Passagen üben. Es gab daher sogar Situationen, wo ich mit Kollegen von der Bühne gegangen bin und gesagt habe: „Wenn die nicht den Orchestergraben verlassen, dann läuft die Vorstellung nicht.“

Aber es gab natürlich auch schöne Situationen. Einmal habe ich einem Kollegen aus dem Orchester, zu dem ich guten Kontakt hatte und der mich während des Bühnenaufbaus aus Langeweile geärgert hat, sein Glockenspiel versteckt. Das brauchte er für die Bühnenmusik. Zu seinem Glück hat er es noch rechtzeitig gefunden. Das haben wir uns aber nicht übel genommen.

Und auch wenn wir mit großen Opern Gastspiele in der Region gegeben haben, dann gab es manchmal Streitigkeiten zwischen den Abteilungen, wer zuerst in den LWK einladen darf: Die Maske, die Kostüme, der Orchesterwart, wir Techniker. Aber wenn wir am Spielort ankamen, dann waren wir wie eine große Familie. Einmal waren wir mit La Traviata in Offenburg zu Gast, aber auf dem Hinweg gerieten wir mit dem LKW auf der Autobahn in einen Stau und kamen recht spät in Offenburg an. Wir haben auf der Bühne gearbeitet bis es rauchte, aber der LKW war immer noch nicht komplett ausgeladen. Da standen auf einmal Orchestermitglieder da und haben mitgeholfen. Wie ich schon sagte, Theater ist eine große Familie.

Hatten Sie auch privat Kontakt zum Philharmonischen Orchester?

Als ich nach Freiburg kam, gab es noch Kollegen im Orchester, die meinen Vater kannten. Als sich das Orchester in den 1970er- und 1980er Jahren verjüngte – und ich war da ja selber noch jung – hatte ich auch zu einigen Musikern Kontakt. Allerdings immer nur beruflich, nie privat. Ich konnte und wollte mich auch in den ersten Jahren nie nach der Arbeit ins Konzert setzen, dazu hatte ich aufgrund der vielen Abenddienste und meines Privatlebens einfach keine Zeit. Erst als ich Technischer Direktor geworden bin und weniger Abenddienste hatte, habe ich mir das Privileg herausgenommen, dass ich mit meiner Frau am Montag oder Dienstag ins Konzert gehe. Das haben wir dann auch regemäßig gemacht. Im Zuschauerraum habe ich viele ältere Kollegen getroffen. Nach zwei oder drei Jahren passierte es dann sogar, dass ich am nächsten Tag von Orchestermusikern angesprochen wurde, wenn ich einmal nicht gekommen war. Ich fand es toll, dass man das registriert hat.

„Wir müssen uns alle zusammenraufen, wir sind alle eine Mannschaft und wenn der Vorhang abends hochgeht, dann muss es dem Publikum gefallen.“

Hat es bei Ihrer Arbeit geholfen, dass Sie für beide Seiten eine gewisse Passion haben – für die Technik und das Künstlerische?

Ja, mittlerweile behaupte ich das. Ich finde, es ist ein sehr wichtiges Kriterium, dass man als Führungskraft im technischen Bereich auch Verständnis für die künstlerische Seite zeigt. Allerdings kann man dieses Verständnis nur bis zu einem bestimmten Punkt zeigen. Denn in unserer Arbeit überwiegt das Technische, und das ist für einen Künstler nicht ganz einsehbar, wie eben auch der künstlerischen Bereich für einen Techniker nicht voll einsehbar ist.

Als ich Technischer Direktor wurde, habe ich gemerkt, wie man sehr schnell einen Tunnelblick bekommt und nur noch auf seine eigene Arbeit achtet. Aber so konnte das nicht weitergehen, denn so funktioniert Theater nicht. Mein Prinzip war immer: Wir müssen uns alle zusammenraufen, wir sind alle eine Mannschaft und wenn der Vorhang abends hochgeht, dann muss es dem Publikum gefallen. In meiner Zeit als Technischer Direktor habe ich deshalb viel ermöglicht, was andere Kollegen vielleicht nicht gemacht hätten. Wenn wir mit anderen Technischen Leitern aus Baden-Württemberg auf Workshops waren, dann haben die mir ab und zu gesagt: Menschenskinder, lass doch nicht alles zu, was die Kunst so will. Aber ich finde: warum denn nicht, wenn ich gewisse Situationen vertreten und verantworten kann. Es ist eigentlich ein Geben und Nehmen.

Wie war ihr Verhältnis zu den Generalmusikdirektoren?

Wenn man ein gewisses Verständnis für die Arbeit eines Orchesters hat, wie es in meinem Fall ist, dann versteht man auch manche schwierigen Situationen besser. Und andersherum hatte ich das Privileg, dass sehr viele Kapellmeister und Generalmusikdirektoren wussten, dass ich nicht nur die Technik kenne, sondern auch etwas von Kunst und Musik verstehe. Dann kann man auch gut miteinander reden.

Welche Bitten kann ein Generalmusikdirektor überhaupt an die Techniker haben?

Sehr viele! Bis 1996, als das Orchester ins Konzertaus umzog, hatten wir verschiedene Aufbauten, um das Große Haus in einen Konzertsaal zu verwandeln. Der GMD gibt dann vor, welcher Musiker wo auf der Bühne sitzt. Aber manchmal gibt es technische Beschränkungen und man muss sich auf eine andere Variante einigen.

Einen guten Kontakt hatte ich mit Fabrice Bollon, wir haben uns klasse verstanden. Seine Klarheit und Deutlichkeit zeichnet ihn aus. Er weiß wovon er spricht und was er will. Er versteht auch die technische Sprache. Deswegen hat er auch ohne große technische Erklärungen immer gleich verstanden, wenn etwas nicht umzusetzen war. Es gab aber auch GMDs, die ihre Forderungen mit aller Gewalt durchsetzen wollten, auch wenn sie von uns nicht erfüllbar waren. Das waren dann keine schönen Zeiten.

Fabrice Ballon war übrigens auch der erste GMD, der unzufrieden war, dass sich die Akustik zwischen Probebühne und Orchestergraben so stark unterscheidet. Es ist natürlich fatal, wenn man den Klang, den man auf der Probebühne erarbeitet, im Orchestergraben nicht herstellen kann. Wir Techniker haben dann mit Stellwänden und Deckenplatten daran gearbeitet, das Klangvolumen der Probebühne an den Orchestergraben anzupassen.

Wie geeignet war das Große Haus des Theaters für die vielen Konzerte?

Das war absolut geeignet. Wichtig waren nur die Konzert-Aufbauten aus Plafond und Wänden, um im Großen Haus die richtige Akustik zu schaffen – der sogenannte Konzertsaal. Das war sehr aufwändig, so ein Umbau der Bühne konnte je nach Orchestergröße bis zu zwei Stunden dauern. Anfangs hatten wir noch einen alten schönen Konzertsaal  aus Holz, der nach dem Krieg gebaut wurde. Weil das Holz langsam kaputt ging, wurde der alte Konzertsaal 1994 unter dem Intendanten Ammann entsorgt und ein komplett neuer entwickelt. Aber jeder Generalmusikdirektor hatte eine etwas andere Vorstellung vom Klangkörper, sodass wir den Aufbau immer anpassen mussten. Aber in der Regel waren die GMDs mit unserem Konzertsaal im Großen Haus zufrieden. Und 1996 kam dann der Umzug ins Konzerthaus. Damit hatten wir in der Technik dann nicht viel zu tun.

Wie gefällt Ihnen das neue Konzerthaus?

Ganz gut. Das Klangvolumen im Konzertaus finde ich gut. Schade ist, dass die Struktur des Saales etwas durch die PVC-Schallplatten an der Decke gestört wird, die aber sicher für die Akustik sehr wichtig sind. Denn am wichtigsten ist ja, dass sich alle im Orchester gegenseitig gut hören und der Klang für alle Zuschauer zu hören ist.

Was wünschen Sie dem Orchester zum 125. Geburtstag?

Ich wünsche den Orchestermusikern, dass sie ihre geistig-künstlerische Vielfalt weiter verfolgen und vervollständigen, die sie in den letzten Jahren unter den verschiedenen GMDs bewiesen haben. Dann bleiben sie ein gutes, konkurrenzfähiges Orchester, wie sie es in den letzten Jahren waren. Die Entwicklung des Philharmonischen Orchesters, die ich in den letzten 36 Jahren miterlebt habe, war enorm. Das Philharmonische Orchester ist ein Spitzenorchester, das mit vielen Orchestern mithalten kann. Wenn ich an Wagners Ring zurückdenke – was will man mehr! Da braucht man nicht nach Bayreuth schauen. Und das ist auch nicht zuletzt das Verdienst von Fabrice Bollon. Und schließlich wünsche ich dem Orchester, dass es weiterhin solche aktiven Generalmusikdirektoren oder Generalmusikdirektorinnen bekommt, die das Orchester verstehen. Das Orchester muss sich auch weiterhin intern verstehen, es muss sich als Gesamtheit verstehen und ein Klangkörper sein. Dann hat es auch die nächsten 125 Jahre solch einen Erfolg!

 

Das Interview führte Georg Feitscher am 2. August 2012.