Heinz W. Koch

Heinz W. Koch

Heinz W. Koch begleitete als Kritiker u. a. für die Badische Zeitung das Philharmonische Orchester Freiburg über Jahrzehnte. Er erzählt uns im Interview, wie er »sein« Orchester erlebte und wie es sich unter den verschiedenen Generalmusikdirektoren veränderte.

Koch (74) ist gelernter Verlagskaufmann und als Musikjournalist ein Quereinsteiger. Nach Redakteursjahren beim damaligen »General-Anzeiger der Stadt Wuppertal« übernahm er die Leitung der Musikredaktion am »Kölner Stadt-Anzeiger«. 1970 wechselte er in die gleiche Position im Kultur-Ressort der »Badischen Zeitung« in Freiburg. Dort blieb er bis 2001, und dort schreibt er bis heute regelmäßig, desgleichen für andere große Regionalzeitungen und die Zeitschrift »Opernwelt«, deren Team er seit nunmehr 53 Jahren angehört.

 


 

Seit wann haben Sie das Philharmonische Orchester erlebt?

Das kann ich ganz genau sagen – seit dem 1. August 1970, da war Thomas Ungar gerade frisch Generalmusikdirektor. Vorher war ich am Kölner Stadtanzeiger gewesen. Was mich hier erwartete – davon hatte ich überhaupt keine Vorstellung. In meiner ersten Opernvorstellung saß ich auf dem Dienstplatz – elfte oder zwölfte Reihe, ganz außen –, und jemand aus dem Ensemble beobachtete mich und erzählte später: Erst hätte ich da ganz geduckt gesessen, und dann sei ich langsam aus dem Sessel hervorgewachsen – weil ich merkte, was da los war und was da noch kommen konnte. Wo ich herkam – Köln, Düsseldorf, Wuppertal –, das waren Häuser, die zu den größten Deutschlands gehörten. Das »mittlere deutsche Stadttheater« kannte ich gar nicht. Und hier war ich ganz überrascht, was da geboten wurde!

Wie haben Sie vor 25 Jahren das hundertjährige Jubiläum erlebt?

Das war eine ganz außergewöhnliche Spielzeit. Der damalige Generalmusikdirektor Eberhard Kloke ließ sehr viel Neue Musik spielen. In einer Spielzeit gab es viermal Stockhausen, mehrere Male Rihm, mehrere Male Klaus Huber, viele Uraufführungen, das ganze mit einem »Götterdämmerungs«-Projekt kombiniert. Dabei würde ich aus der Erinnerung sagen, dass der Dirigent Kloke hinter dem klugen Programmdramaturgen etwas zurückblieb. Ein guter Kapellmeister war er auf jeden Fall – ohne einen solchen wäre ein Stück wie Ligetis »Grand Macabre« keine zehn Meter weit gekommen. Aber seine Programme waren sehr gut kombiniert, da war immer viel zu lernen. Als Zeitungskritiker hatte ich fürs Sinfoniekonzert, sagen wir, hundert Zeilen Platz. Ich erlebte immer wieder, dass ich schon bei Zeile 150 war und noch nichts über die Aufführung geschrieben hatte – so viel gab es allein über die Querverbindungen zwischen den Stücken anzumerken. Das »Spinnen« von Programmen wurde seit dieser Zeit immer wichtiger, ein Konzertabend ist inzwischen viel enger verzahnt, viel dichter gedacht als früher im einfachen Schema Ouvertüre, Solokonzert, Sinfonie.

Wie ging es danach weiter?

Eine Haltung wie die Eberhard Klokes ist nicht jedermanns Sache, da war es schon spannend, was da nun kommen sollte. Und es kam – nach dem einjährigen Interregnum mit Gerhard Markson – einer der bedeutendsten, handwerklich brillantesten Dirigenten, die Freiburg gesehen hat: Donald Runnicles. Der schaffte dann auch ohne Zwischenstopp den Sprung nach San Francisco, und er ist der einzige Freiburger Chef, den ich in der New Yorker Metropolitan Opera erlebt habe. Donald Runnicles ist auch ein gutes Beispiel für etwas, das in Freiburg mehrmals passiert ist – dass einer von hier aus den Sprung in die Weltelite schafft. Das war nur mit Marek Janowski sechzehn Jahre zuvor vergleichbar, der ja einen ähnlichen Weg beschritten hat.

Wie hat sich dieser Wechsel aufs Orchester ausgewirkt?

Vielleicht hat das Orchester damals den »Atem der Elite« gespürt, die Musiker haben gemerkt, wer da vor ihnen stand und entsprechend musiziert. Gleichzeitig kam aber auch eine neue Generation Orchestermusiker, junge Leute, die zum Beispiel mit Neuer Musik schon viel versierter waren als ihre teils viel älteren Kollegen. Das war vielleicht ein glückhaftes Zusammentreffen. Als Drittes kam dazu, dass das Orchester damals nach und nach vom C- zum B-Orchester hochgestuft wurde. Ohne das Können in der davorliegenden Zeit schmälern zu wollen: Das gab einen Zuwachs an Gewandtheit. Da fanden sich etwa bei den Bläsern an den ersten Pulten ganz vorzügliche Leute.

Wie hat aus Ihrer Sicht Johannes Fritzsch da angeknüpft, als er 1993 nach Freiburg kam?

Das ist ganz besonders schwierig zu sagen – vielleicht so: Hinter Runnicles etwas zurückzufallen, auch das ist schon keine mindere Leistung. Nach einem so brillanten Chef war Fritzsch sozusagen der sehr gute Normalfall. Wie gut – das mag man daraus ersehen, dass er inzwischen der Grazer Oper vorsteht, immerhin dem zweiten Haus in Österreich. In seine Amtszeit fiel ja auch die Eröffnung des Konzerthauses 1996 – die Gelegenheit, einmal mit einem solchen Großwerk zu punkten wie den »Gurreliedern« von Schönberg. Das war schon eine ganz ausgezeichnete Leistung, da konnten Fritzsch und natürlich auch das Orchester zeigen, was in ihnen steckte.

Wie haben Sie die neue Nachbarschaft zum SWR-Sinfonieorchester erlebt?

Ich hatte mich damals schreibend sehr dafür ausgesprochen, dass das Rundfunkorchester nach Freiburg kommt. Da kamen auch Befürchtungen auf, wie das bei einem noch so guten städtischen Orchester sicher zu erwarten war. Im Ganzen muss ich aber zurückschauend sagen, dass das Philharmonische Orchester in meinen Ohren dadurch sogar gewachsen ist. Seither habe ich Abende erlebt, da habe ich Gäste mitgebracht, die den Mund nicht zubekommen haben. Wenn Kwamé Ryan zum Beispiel den »Wunderbaren Mandarin« von Bartók dirigierte oder später Fabrice Bollon die 1. Sinfonie von Mahler. Das waren geradezu fabelhafte Aufführungen, da konnte man nur staunen, was da abging.

Konnte Kwamé Ryan dann 1999 auf den fahrenden Zug aufspringen?

Kwamé Ryan kam in seine erste Chefposition als ganz junger Mann, der seinen Schwerpunkt bisher in der Neuen Musik gehabt hatte. Der musste sich nun in diese Rolle hier einleben. Und das tat er hochrespektabel. Er hatte noch nie Verdis »Otello« dirigiert – und dann bestritt er damit seine Bewerbungsaufführung ganz ausgezeichnet. Da müssen Sie handwerklich schon sehr sicher sein. Und in einer Bewerbungsprobe hatte er Debussys »La Mer« – flapsig gesagt – dermaßen hingelegt, dass Musiker, die dabei waren, noch Jahre später mit glänzenden Augen davon erzählten. Er hat dann später zum Beispiel auch einen sehr guten »Eugen Onegin« gemacht und ganz Wesentliches in Richtung 20. Jahrhundert – wie schon gesagt, sein »Wunderbarer Mandarin« ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Mit Karen Kamensek trat dann zum ersten Mal eine Frau an die Spitze des Orchesters.

Und da kann man auch wieder die Sprungbrett-Rolle Freiburgs erkennen: Von hier aus ging sie als stellvertretende Generalmusikdirektorin an die Hamburgische Staatsoper, und inzwischen leitet sie die Staatsoper in Hannover, immerhin ein sehr, sehr gutes mittleres Haus, schon ganz dicht unter der Spitzengruppe.

Sowohl bei Ryan als auch bei Kamensek muss man mit bedenken, dass es vielleicht einige Skepsis im Hause gab, wie sie das Amt des Generalmusikdirektors einer Stadt ausfüllen würden. Beide mussten sich fast das ganze Repertoire, das sie hier gaben, erstmalig erarbeiten. Da überraschte es möglicherweise nicht, dass sie nicht immer mit Leistungen aufzuwarten hatten, wie man sie von Runnicles erlebt hatte oder jetzt von Bollon erlebt.

Es folgte wieder ein zweijähriges »Interregnum« …

Ja, dabei war doch eigentlich ein Nachfolger gefunden. Aber er hat den Posten nicht angetreten, und so mussten wir in eine neue Bewerbungsrunde gehen. Dass es noch zwei Jahre dauern sollte, bis der GMD-Posten wieder besetzt würde, hätte niemand gedacht. Mit Patrick Ringborg und, zum zweiten Mal, Gerhard Markson wurde diese Zeit aber keine Durststrecke, im Gegenteil.

Inzwischen sind wir in der Gegenwart angekommen, bei Fabrice Bollon und dem Philharmonischen Orchester von 2012.

Ja, und da fällt mir natürlich an erster Stelle die Arbeit an Wagners »Ring« ein. Da möchte ich sagen: Besser geht’s nicht – auch wenn man da eine Relativierung heraushören kann, wenn man möchte. Aber was hier stattfand, unter den Bedingungen dieses Hauses, das wird auch an großen Häusern keineswegs jeden Abend erreicht – an Häusern, die alles aus eigenen Kräften bestreiten und an einem »Ring«-Abend auch aktweise das Blech komplett auswechseln. Das geht in Freiburg nicht, und trotzdem war das ein großartiger »Ring«. Da haben das Haus und das Orchester doch Außerordentliches geleistet.

Wie könnte die Zukunft des Philharmonischen Orchesters Freiburg aussehen?

Was die Zukunft so eines Orchesters generell angeht: Solange sich Freiburg ein Drei-Sparten-Theater leistet, ist die erst einmal gesichert, denn die Oper braucht einfach ein Orchester. Und wer es leitet – da gab es schon öfter Persönlichkeiten, von denen man zunächst dachte, dass man die nicht hierher würde bekommen können. Und sie kamen doch. Was natürlich auch mit an diesem Orchester liegt und an den Wagnissen, die man hier am Haus bereit ist einzugehen.

Wie es mit dem Publikumsinteresse aussieht, ist eine andere Frage, besonders wenn man an die Entwicklung der Bildung und des Musikunterrichts denkt. Wie wird es mit dem Kunstinteresse und dem Bildungsanspruch der Allgemeinheit weitergehen? Welche Rollen werden die Schulen dabei spielen? Da bin ich nicht ganz so sicher. Wenn ich einige Entwicklungen verfolge, da kriege ich das Knieschlottern. Es gibt Erscheinungen im politischen Betrieb, da hat man offenbar größere Chancen, wenn man ein erklärt akultureller Mensch ist. Da können Sie was mit werden. Ich glaube nicht, dass das irrsinnig erfreulich ist, was da kommt. Man wird da gespannt sein dürfen und müssen. Ganz aktuell wird man abwarten müssen, wie es mit dem SWR-Sinfonieorchester weitergeht. Sollte die unselige Vereinigung mit Stuttgart kommen, könnte das Philharmonische Orchester wieder mehr in den Mittelpunkt rücken – wobei das Rundfunkorchester ja auf jeden Fall auch hier gastieren würde. Das wäre aber eine Rolle, die dieses Philharmonische Orchester fraglos ausfüllen könnte.

Auch wenn ich das SWR-Orchester wahnsinnig schätze – und es wäre dumm, das nicht zu tun –, nach 43 Jahren in Freiburg möchte ich sagen: Das Philharmonische Orchester – mit dem hatte ich hauptsächlich zu tun, das ist das Orchester in der Stadt, in der ich lebe und für deren Leser ich arbeite. Das Philharmonische Orchester, das kann ich so sagen, das ist mein Orchester.

 

Das Interview führte Friedrich Sprondel am 26. September 2012.