F. Bollon und G. Markson

Fabrice Bollon und Gerhard Markson

Der amtierende Generalmusikdirektor Fabrice Bollon und der erste Gastdirigent des Orchesters, Gerhard Markson, diskutieren ihre Erfahrungen mit dem Philharmonischen Orchester im Interview mit der Badischen Zeitung.

Das Interview führte Alexander Dick, es erschien am 25. September 2012 in der Badischen Zeitung. Wir veröffentlichen einen Ausschnitt daraus. Wenn Sie das gesamte Interview lesen wollen, können Sie dies hier tun.

 


 

BZ: Wie wird denn Ihr Geschenk an das Philharmonische Orchester zum runden Geburtstag aussehen?

Fabrice Bollon: Von der Seite habe ich das noch gar nicht betrachtet. Wir haben die Feierlichkeiten geplant, weniger im Sinne eines Geschenks als: Was machen wir daraus, was bedeutet das alles, wo gehen wir hin? Eigentlich müssen wir das Publikum beschenken. Aber wir bekommen tatsächlich ein Geschenk – vom Verein der Theaterfreunde: Barockbögen, um unsere Entwicklung in Richtung Historische Aufführungspraxis strukturell zu unterstützen. Gerade wenn wir weiter Barockoper machen wollen, das sehen wir jetzt am Erfolg von "Rinaldo", ist es notwendig, dass sich das Orchester dahin bewegt und gut bewegt. Ein Opernorchester muss alles können: Jazz wie Operette, Wagner wie Puccini und so weiter.

 

BZ: Es gibt in Deutschland im Grunde genommen zwei große Orchestertraditionen. Die eine ist die höfische, das sind die Orchester die heute dann meistens in Staatsorchestern aufgegangen sind, das andere ist die bürgerliche. Dieses Orchester hier ist aus bürgerlichem Geist und Engagement heraus entstanden. Macht sich das in seiner Performance, vielleicht auch im Denken der Musiker bis zum heutigen Tag bemerkbar?

Bollon: Es macht sich in der Finanzierung bemerkbar. Weil es nicht staatlich, sondern städtisch ist, liegt die Finanzierung deutlich drunter. Pro Musiker macht das mehrere Euro im Monat aus. Beim Funkorchester wäre der Unterschied noch deutlich größer. Der Unterschied liegt auch in der Größe des Orchesters.

 

BZ: Die bürgerlichen Orchester sind gegenüber denen, die das Glück hatten, in Staatsobhut zu kommen, also die Verlierer?

Bollon: Zumindest gibt es eine Ungleichheit in der Bezahlung, die leider nicht immer was mit der Qualität zu tun hat. Das war ja die Idee, dass die größeren Städte sich die besseren Orchester leisten, aber das ist nicht so. Ich habe genug gastiert bei A-Orchestern an großen Häusern und ich kann sagen: Freiburg kann sich glücklich schätzen, dieses hochmotivierte Orchester zu besitzen, das eigentlich in der besten A-Klasse spielt

 

BZ: Sie sprachen die wunderbare Moral des Freiburger Orchesters an: Was macht dieses Engagement und damit verbunden auch die Qualität aus?

Bollon: Am besten fragen Sie die Musiker. Wir sind ein Team von Dirigenten, das dem Orchester sehr verbunden ist: Gerhard Markson, ich, aber auch Julia Jones und andere Gastdirigenten, die dazu beitragen, dass dieses Orchester an sich glaubt. Das ist der wichtigste Punkt: Selbstvertrauen.

Gerhard Markson: Das kann Fabrice Bollon natürlich nicht sagen, aber erstmal hat es was mit dem Chef zu tun. Der gibt dem Orchester das Gefühl, dass es als Organismus wertvoll ist und großes künstlerisches Potenzial besitzt. Und der sorgt natürlich auch für andere Dinge, wie zum Beispiel die Excellence-Initiative.

 

BZ: Ich wollte die Frage eigentlich erst später stellen: welche Einflussmöglichkeit ein Generalmusikdirektor auf die Entwicklung des Orchesters hat. Aber Sie haben die Antwort schon vorweg genommen.

Bollon: Natürlich macht der GMD sehr viel. Er gibt die Richtung, er gibt die Stimmung vor. Das Orchester spiegelt ganz, ganz stark die Beziehung zum Chef. Ein schwieriges Orchester deutet mir, dass es mit dem Chef schwer geht. Nicht unbedingt menschlich oder musikalisch, das ist sehr komplex, man kann es nicht eins zu eins übersetzen, aber man sagt, dass das Orchester ein Röntgenbild des Dirigenten ist. Aber: Ein Dirigent allein kann es nicht ausmachen. Das Team muss auf gleichem Niveau sein, es ist wirklich ein Gesamtpaket.

Markson: Es gibt noch eine Ebene – die der sozialen Interaktion. Wenn keiner keinem vertraut, schlägt sich das auch auf die Musik nieder. Und dass das hier so gut funktioniert, hat natürlich nicht nur mit dem Dirigenten, sondern auch mit dem Menschen Fabrice Bollon zu tun. Das bekommen ich und jeder Gastdirigent mit.

Bollon: Ernst nehmen, das heißt die Musiker als Künstler zu verstehen. Nicht nur als Mensch und Mitglied des Orchesters, sondern als vollständiger Künstler. Dazu gehört auch unterrichten, Kammermusik spielen, Solo spielen etcetera. Das alles muss möglich sein können. Erst dann fühlen sie sich als Künstler behandelt, reagieren dann im Kollektiv auch als Künstler. Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Wenn jemand zum Beispiel die Möglichkeit hat, ein Solo-Konzert zu spielen, ist es ganz wichtig für das Orchester, dass er es macht: Er übt dafür hart. Er bastelt an seinem Niveau weiter. Er bekommt eine Erfahrung, die wir im Orchester wieder ausnutzen. Ich gebe – und ich bekomme zurück. Aber um das realisieren zu können, muss ich immer wieder nach Lösungen suchen. Das ist sehr kraftraubend, weil die hiesige Struktur das eigentlich nicht hergibt: Je kleiner das Orchester, desto größer die Gefahr, die Musiker als Schachfiguren und nicht als Menschen und Künstler zu verstehen.

 

BZ: Herr Markson, Sie haben ja das Orchester in den vergangenen 25 Jahren relativ kontinuierlich verfolgen können. Waren es gute Jahre?

Markson: Spontan fällt mir da – das war in meiner Schlusszeit als erster Kapellmeister, also Ende der 80er Jahre – etwas ein, was man aus heutiger Sicht vielleicht gar nicht mehr nachvollziehen kann: die Existenzangst des Orchesters, als der Bau des Konzerthauses bevorstand und das heutige SWR-Orchester als übermächtiger Konkurrent drohte. Ich erinnere mich ganz genau, dass zwei Vorgänger Fabrice Bollons, Marek Janowski und Eberhard Kloke, sich vehement dafür aussprachen, dass in den Gründungspapieren des Konzerthauses schriftlich festgehalten werde, dass dieses das Haus des Philharmonischen Orchester Freiburgs ist. Schon unter diesem Gesichtspunkt ist das sehr glückhaft verlaufen. Inzwischen steht das Konzerthaus und es ist gar keine Frage, dass das Philharmonische Orchester Freiburg da einer der Hausmatadore ist. Was das andere betrifft: Ob die Jahre glücklich waren, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass es im Moment fabelhaft läuft.

 

 

Das Interview führte Alexander Dick. Es erschien am 25. September 2012 in der Badischen Zeitung.
Die Fortsetzung des hier veröffentlichten Ausschnitts finden Sie auf den Seiten der Badischen Zeitung ...