Das Orchester

Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren Militärmusiker die einzigen professionellen Musiker in Freiburg. Dies änderte sich erst mit der Gründung des Philharmonischen Orchesters im Jahr 1887. Doch das Orchester und seine Musiker hatten einen langen und schwierigen Weg vor sich.

Um die Leistung der Musiker und Musikerinnen des Orchesters über die zurückliegenden 125 Jahre zu würdigen, beschäftigt sich dieser Artikel ausschließlich mit ihrer Geschichte. Wir schauen zurück auf die sozialen, institutionellen und politischen Umstände, die die Arbeit im und für das Orchester über die Jahrzehnte prägten.

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Die Anfänge: Militär- und Amateurmusiker in Freiburg

Programmzettel des Philharmonischen Vereins von 1879 für ein Konzert mit Clara Schumann. (GLA Karlsruhe, N. Beringer 604) Programmzettel des Philharmonischen Vereins von 1879 für ein Konzert mit Clara Schumann. (GLA Karlsruhe, N. Beringer 604)

Als das Philharmonische Orchester Freiburg 1887 gegründet wurde, war dieser Schritt längst überfällig. Freiburg war im Laufe des 19. Jahrhunderts rasant gewachsen. Ein wohlhabendes war Bürgertum entstanden, in dem das Bedürfnis nach kultureller Unterhaltung ständig zunahm. Da jedoch ein professionelles Orchester in der Stadt fehlte, nahmen die Bürger das musikalische Leben selbst in die Hand. In der Freiburger Museumsgesellschaft (deren Titel sich nicht auf das Museum im heutigen Sinn, sondern auf den ‚Genuss der Musen bezog) trafen sich im 19. Jahrhundert Bürger, um ihr musikalisches Können zu pflegen und sogar Sinfonien und Opern auf die Beine zu stellen. Auch entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Amateurorchestern, darunter der 1867 gegründete Musikverein und der 1877 von Hermann Dimmler gegründete Philharmonische Verein. Dimmler gelang es, Clara Schumann für ein Konzert nach Freiburg zu holen. Doch dauerhaft konnten diese Liebhaber-Initiativen nicht das Verlangen nach anspruchsvoller Musikpflege befriedigen.

 

Die ersten Musiker des städtischen Orchesters

Es gab schon vor Gründung des Städtischen Orchesters Berufsmusiker in Freiburg: die Angehörigen der örtlichen Militärkapelle. Gemeinsam mit einigen wenigen zivilen Berufsmusikern bildeten sie regelmäßig das ‚Theaterorchester‘, um so in Freiburg zumindest einen rudimentären Opern- und Schauspielbetrieb zu ermöglichen. Doch die Qualität dieses Orchesters ließ insbesondere zu wünschen übrig, besonders im Vergleich zu den ständigen Berufsorchestern in Basel und Straßburg. Als der Druck aus dem Bürgertum und die Anforderungen des wachsenden Tourismus größer wurden, entschied man sich schließlich, anlässlich der Gewerbeausstellung 1887 ein ständiges städtisches Orchester zu gründen. In seiner Sitzung am 28. März 1887 verabschiedete der große Bürgerausschuss einen Finanzierungsplan zum Betrieb eines städtischen Orchesters mit 42 Musikern.

Die Vorlage des Stadtrats an den großen Bürgerausschuss zur Finanzierung eines städtischen Orchesters vom 28. März 1887. Damit war das Philharmonische Orchester offiziell gegründet. (Seite 1 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1) Die Vorlage des Stadtrats an den großen Bürgerausschuss zur Finanzierung eines städtischen Orchesters vom 28. März 1887. Damit war das Philharmonische Orchester offiziell gegründet. (Seite 2 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1) Teil der Vorlage an den großen Bürgerausschuss war auch ein ausführlicher Kostenvoranschlag. (Seite 3 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1) Der Vertrag, den die ersten Musiker des städtischen Orchesters Freiburg 1887 unterschrieben. (Seite 1 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1) Der Vertrag, den die ersten Musiker des städtischen Orchesters Freiburg 1887 unterschrieben. (Seite 2 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1) Der Vertrag, den die ersten Musiker des städtischen Orchesters Freiburg 1887 unterschrieben. (Seite 3 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1)
1887: Die Vorlage des Stadtrats an den großen Bürgerausschuss zur Finanzierung eines städtischen Orchesters und der Vertrag, den die ersten Musiker des Philharmonischen Orchesters unterschrieben. (Stadtarchiv C2/44/1)

In das neugegründete städtische Orchester traten 10 Mitglieder der Militärkapelle und neun Zivilmitglieder der alten Theaterkapelle über. Um die weiteren Stellen zu besetzen, suchte der Stadtrat mit folgender Annonce in der Deutschen Musiker-Zeitung ab Mai 1887 nach neuen Mitgliedern für das Orchester.

Stadtorchester Freiburg i. Baden.

 

Die Stadt Freiburg wird auf den 1. Oktober d. J. ein Stadtorchester gründen, das berufen ist, zum ständigen Dienst im Theater während der Saison und verpflichtet bei allen musikalischen Produktionen, welche die Orchester- und Theaterkommission veranstalten wird. An diesem Orchester sind nachfolgende Stellen zu besetzen:

 

1  Konzertmeister (Sologeiger),
4  I. Violinen,
2  II. Violinen,
1  Bratsche,
1  Solo-Cello
2  weitere Celli,
2  Flöten,
2  Oboen, wobei 1 noch zu Englisch-Horn verpflichtet ist,
2  Fagotts,
1  Klarinette,
4  Hörner,
2  Trompeten,
2  Posaunen,
1  große Trommel und 1 Pauke.

 

Die Anstellung erfolgt auf Grund von Verträgen, welche im Wesentlichen den Formularen der Genossenschaftsverträge entsprechen. Tüchtige Musiker, welche auf Anstellung in unserem Orchester reflektieren, wollen sich innerhalb 14 Tagen unter Vorlage von Zeugnissen melden und dabei bemerken, welches andere Instrument neben ihrem Hauptinstrument sie noch übernehmen können, da die Absicht besteht, innerhalb des Stadtorchesters noch eine Harmoniemusik zu bilden.

 

Freiburg i. B., dem 20. Mai 1887.
Im Auftrage des Stadtraths:
Die Theater-Kommission.


(Zit. n. R. Birnschein, Geschichte des städtischen Orchesters Freiburg im Breisgau. Zu dessen 25jährigen Jubiläum, Freiburg 1912, S. 10)

Tatsächlich bewarben sich auf diese Anzeige ausreichend Musiker, um das neue städtische Orchester in der ersten Spielzeit 1887/88 vollständig zu besetzen. Auch die Qualität der Musiker konnte offenbar überzeugen, denn keiner wurde nach der einmonatigen Probezeit entlassen.

Das städtische Orchester Freiburg im Jahr 1894 unter Kapellmeister Gustav Starke.
Das städtische Orchester Freiburg im Jahr 1894 unter Kapellmeister Gustav Starke.

Sorgen und Nöte der Musiker

Allerdings verließen in den Anfangsjahren etliche Musiker aus freien Stücken das Orchester, hatten sie doch mit erheblichen Turbulenzen und Belastungen im Spielbetrieb zu kämpfen. Ein Problem war die hohe Arbeitsbelastung, die sich aus der Doppelrolle als Opern- und als Konzertorchester ergab. Daran erinnert lebhaft Richard Birnschein, eines der Gründungsmitglieder des Orchesters, in seiner Festschrift zum 25. Jubiläum:

Nun folgte Probe auf Probe: vormittags Opernprobe, nachmittags Konzertprobe oder umgekehrt. Da zwei Kapellmeister, einer für Oper und einer für Konzert engagiert waren, so wetteiferten diese miteinander und infolgedessen kam es so weit, daß auch an Tagen, an welchen abends Opernvorstellungen stattfanden, vormittags auch noch eine mehrstündige Symphonieprobe abgehalten wurde.
(R. Birnschein, Geschichte des städtischen Orchesters Freiburg im Breisgau. Zu dessen 25jährigen Jubiläum, Freiburg 1912, S. 10)
Die „Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg“ vom Jahr 1891 listet die mageren Jahresgehälter der Orchestermusiker auf. (Seite 1 von 3) (Stadtarchiv DSB IV 7 (1)) Die „Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg“ vom Jahr 1891 listet die mageren Jahresgehälter der Orchestermusiker auf. (Seite 2 von 3) (Stadtarchiv DSB IV 7 (1)) Die „Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg“ vom Jahr 1891 listet die mageren Jahresgehälter der Orchestermusiker auf. (Seite 3 von 3) (Stadtarchiv DSB IV 7 (1))
Die Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg vom Jahr 1891 listet die mageren Jahresgehälter der Orchestermusiker auf. Dennoch bedeutete die Aufnahme der Musiker in das städtische Beamtentum, dass sie Ansprüche auf Pensions-, Witwen- und Waisenversorgung erwarben. (Stadtarchiv DSB IV 7 (1))

Das zweite große Problem, das Birnschein zufolge einige Musiker dazu trieb, aus Freiburg zu flüchten und einen Berg Schulden zu hinterlassen, waren die schlechten Gehälter und die mangelnde soziale Absicherung. Anfangs erhielten die Orchestermusiker zwischen 90 (Tuba und Pauke) und 140 Mark monatlich (1. Geige und Konzertmeister) ohne jegliche Pensionsansprüche, während etwa ein Volksschullehrer ca. 145 Mark plus Pensionsansprüche und der 1. Heldentenor im Theater gar 1200 Mark verdiente. Mit solchen Gehältern lag das Städtische Orchester zudem deutlich hinter dem Üblichen bei vergleichbar großen Orchestern. 1888 und 1892 erkämpften die Orchestermitglieder magere Gehalterhöhungen um jeweils 5 Mark. Erst zwischen 1897 und 1912 erfolgten weitere Erhöhungen, dank denen das Freiburger Orchester allmählich mit anderen städtischen und Hoforchestern gleichzog. Mindestens ebenso wichtig war aber, dass die Musiker ab 1891 der „Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg“ unterstellt wurden und damit Ansprüche auf die Pensions-, Witwen- und Waisenversorgung der Stadt erwarben. Richard Birnschein lobte diese Absicherung als sozialpolitische Pionierleistung – dabei hatten Städte wie Leipzig, Düsseldorf, Homburg und Wiesbaden längst ähnliche Regelungen zur sozialen Absicherung ihrer Musiker eingeführt.

Die Musiker, die trotz dieser Schwierigkeiten dem Philharmonischen Orchester treu blieben, versuchten das Beste aus Ihrer Situation zu machen. Schon bald gründeten sie einen Lokalverein des deutschen Musikerverbands, um sich auszutauschen und sich gegenseitig eigene Kompositionen vorzutragen. Die 42 ständigen Musiker des Orchesters reichten jedoch nicht aus, um auch die großen Symphonien spielen zu können, sodass immer wieder auf Dilettanten und Militärmusiker zurückgegriffen werden musste. Die Anzahl der Aushilfen, so Birnschein, habe „das eigentliche Orchester fast erdrückt“, zumindest die Aufführungsqualität entschieden gemindert. Erst als am 8. Oktober 1910 das neue Theater eröffnete und zur neuen Spielstätte des Orchesters wurden, wurde das Orchester um 15 Musiker verstärkt, 1912 dann nochmals um drei Musiker auf insgesamt 60.

Doch der Umzug ins neugebaute Theater stellte die Orchestermusiker auch auf eine Probe, die einige von ihnen nicht bestanden. Ein Protokoll der Theaterleitung von 1914 stellt fest, dass „die sehr difficile Akustik des neuen Theaters weit mehr die einzelnen Schwächen empfinden lässt, insbesondere was Reinheit und Tongebung und Tonhaltung betrifft, als diejenige des alten Theaters und der Festhalle“. Hinzu kam noch die Entwicklung moderner Kompositionsweisen, die zu Werken mit steigenden Anforderungen an Technik und Ton der Orchestermusiker insgesamt“ führte, „welchen viele der Herren des städtischen Orchesters auf die Dauer nicht folgen konnten“. Die Intendanz veranlasste deshalb eine Prüfung und Einzelbewertung aller Musiker des Orchesters. Im Ergebnis wurden etliche ältere Musiker pensioniert, die übrigen erhielten schlechte Noten und wurden verwarnt.

1914 kam es zu einer Untersuchung des Orchesters, die dazu führte, daß einige Musiker pensioniert und andere verwarnt wurden. (Seite 1 von 2) (Stadtarchiv C4/5/18/2) 1914 kam es zu einer Untersuchung des Orchesters, die dazu führte, daß einige Musiker pensioniert und andere verwarnt wurden. (Seite 2 von 2) (Stadtarchiv C4/5/18/2)


Im Juni 1914 veranlasst die Intendanz eine gründliche Prüfung und Einzelbewertung aller Musiker des Orchesters. Als Grund dafür nennt das Protokoll: „Die steigenden Anforderungen an Technik und Ton der Orchestermusiker insgesamt, welche seit etwa 12-14 Jahren durch die moderne Orchesterbehandlung der Komponisten gestellt wurden und welche viele der Herren des städtischen Orchesters auf die Dauer nicht folgen konnten, haben das Niveau des Orchesters seit einigen Jahren im Beharrungszustande gehalten, welcher ‚Stillstand‘ aber als ein Rückschritt betrachtet werden muss. Es kommt noch hinzu, dass der gegen früher erheblich vermehrte Dienst die Leistungsfähigkeit insbesondere der älteren Musiker stark abgebraucht hat, dass ferner die sehr difficile Akustik des neuen Theaters weit mehr die einzelnen Schwächen empfinden lässt, insbesondere was Reinheit und Tongebung und Tonhaltung betrifft, als diejenige des alten Theaters und der Festhalle […]“ (Stadtarchiv C4/V/18/02)

 

Das Orchester im Krieg und im Nationalsozialismus

1915: Weil das Philharmonische Orchester im Ersten Weltkrieg nicht spielt, bittet das Nationaltheater Mannheim darum, sein eigenes Orchester mit Freiburger Musikern wieder aufzufüllen. (Seite 1 von 2) (Stadtarchiv  DSB VIII b (19)) 1915: Weil das Philharmonische Orchester im Ersten Weltkrieg nicht spielt, bittet das Nationaltheater Mannheim darum, sein eigenes Orchester mit Freiburger Musikern wieder aufzufüllen. (Seite 2 von 2) (Stadtarchiv  DSB VIII b (19))
1915: Weil das Philharmonische Orchester im Ersten Weltkrieg nicht spielt, bittet das Nationaltheater Mannheim darum, sein eigenes Orchester mit Freiburger Musikern wieder aufzufüllen. (Stadtarchiv DSB VIII b (19))

Zusätzlich zu den internen Problemen stellten auch die äußeren Ereignisse den Orchesterbetrieb vor Schwierigkeiten. Besonders der Militärdienst wirkte sich spürbar auf die Arbeit des Orchester aus, in dessen Reihen noch etliche Militärmusiker spielten. Schon zu Beginn der zweiten Spielzeit im Jahr 1888 musste der Konzertbetrieb unterbrochen werden, weil elf Militärmusiker zu einer Reserveübung einbestellt wurden.

Noch erheblicher waren die Einschnitte durch die beiden Weltkriege. Im Ersten Weltkrieg legte das Städtische Orchester Freiburg eine Zwangspause ein, die am 15. September 1915 begann und bis 1919 dauerte. Die Einstellung des Spielbetriebs veranlasste schon kurz darauf das Nationaltheater Mannheim, das trotz der vielen Einberufungen seinen Konzertbetrieb fortzuführen versuchte, zu einer offiziellen Anfrage über die Ausleihe von 14 Musikern des Freiburger Orchesters „für die Dauer des Krieges“. Tatsächlich gingen einige Musiker – wohl auch um ihr Gehalt zu sichern – auf das Angebot ein und wechselten nach Mannheim.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Musiker zunächst nicht eingezogen, weil das kulturelle Leben aufrechterhalten und das Publikum von den Schrecken des Krieges abgelenkt werden sollte. Daher blieben die meisten Orchestermusiker einstweilen von einer direkten Kriegsbeteiligung verschont. Erst mit der Ausrufung des totalen Krieges am 1. September 1944 mussten auf Anweisung Joseph Goebbels’ auch die Kultureinrichtungen schließen.

April 1933: Nach der Machtergreifung der Nazis listet das Stadttheater seine „nicht arischen“ Mitarbeiter auf.
April 1933: Nach der Machtergreifung der Nazis listet das Stadttheater seine „nicht arischen“ Mitarbeiter auf.

Doch der Nationalsozialismus hatte schon viel früher in Leben und Arbeit der Orchestermusiker und eingegriffen. Am Schon kurz nach Machtergreifung der Nationalsozialisten stellte die kommissarische Theaterleitung auf Anweisung des Oberbürgermeisters Dr. Kerber erste Nachforschungen darüber an, welche Ensemlemitglieder „nicht arischer Abstammung“ waren. Ein Dokument vom 20. April 1933 denunziert neben einer Opernsängerin, einer Chorsängerin und einer Schauspielsouffleuse mit jüdischen Vorfahren auch den Konzertmeister des Orchesters Herbert Fröhlich. Da die Engagementverträge für die Spielzeit schon abgeschlossen waren und kaum noch Möglichkeit bestand, Ersatz zu finden, durfte Fröhlich seine Stelle noch bis zum Spielzeitende behalten. Wie es ihm danach erging, hat Thomas Salb für seine umfassende Untersuchung zum Theater Freiburg in der Zeit des Nationalsozialismus recherchiert:

Herbert Fröhlich konnte sich im Juni 1933 mit dem von ihm unterbreiteten Vorschlag, im Angestelltenverhältnis die Spielzeit zu beenden, durchsetzen, denn auf diese Weise ließ sich in seinem Fall das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ umgehen. Mit Beginn der Spielzeit 1933/34 durfte er nicht mehr weiter beschäftigt werden, weil die NSBO (= Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation, Anm. d. Red.) Protest erhob. Seine Stelle blieb in Ermangelung eines Nachfolgers bis zum Frühjahr 1934 vakant, was zumindest darauf hindeutet, das sich kein Kollege aus dem Orchester mit Hilfe der Parteizugehörigkeit den begehrten Platz eroberte. Zunächst verdingte sich Fröhlich als Putzmittelvertreter im Raum Mannheim, bevor er mit Hilfe einer jüdischen Hilfsorganisation nach Südamerika emigrieren konnte. Er übte bis zum Ruhestand seine Beruf im Rundfunk-Sinfonieorchester in Bogotá aus.
(Thomas Salb, „Trutzburg deutschen Geistes? Das Stadttheater Freiburg in der Zeit des Nationalsozialismus“, Freiburg 1993, S. 195 f.)

 

Im Mai 1933 bewirkte die nationalsozialistische Gleichschaltung eine Umstrukturierung des Orchestervorstands, der zwar noch von den Orchestermusikern demokratisch gewählt werden durfte, aber nach dem ‚Führerprinzip‘ von fünf auf drei Mitglieder reduziert wurde. Auch die Personalentscheidungen des Hauses und die künstlerische Freiheit wurden bald durch die Reichskulturkammer beschnitten. Besonders deutlich wird dies bei den Neueinstellungen am Theater: Ab 1934 hatte jeder Musiker vor seiner Beamtung eine „Erklärung über die arische Abstammung“ und eine „Erklärung über die politische Zugehörigkeit“ auszufüllen. 1939 kam zumindest in Einzelfällen noch ein „Treueglöbnis für den Führer hinzu“, das unterschrieben werden musste. Das auf diese Weise gleichgeschaltete Orchester spielte noch bis zum 1. September 1944, als alle Theater auf Geheiß Goebbels’ schließen mussten. Quellen deuten darauf hin, dass der größte Teil des Orchesters – wie auch die Ensemblemitglieder des Theaters – danach noch zur Wehrmacht eingezogen wurde (vgl. Salb, „Trutzburg deutschen Geistes?“, S. 436, Fn. 151).

Das Philharmonische Orchester Freiburg im Jahr 1937. (Stadtarchiv C4/V/29/2) Das Philharmonische Orchester Freiburg im Jahr 1937. (Stadtarchiv C4/V/29/2)

Damit sind nur einige Aspekte der nationalsozialistischen Verfolgung am Theater Freiburg und im Philharmonischen Orchester angesprochen. Nicht zuletzt die Aufarbeitung der Einzelschicksale und der Opfergeschichten bleibt eine wichtige Aufgabe. Verwiesen sei an dieser Stelle erneut auf die bedeutende und grundlegende Forschungsarbeit von Thomas Salb unter dem Titel „Trutzburg deutschen Geistes? Das Stadttheater Freiburg in der Zeit des Nationalsozialismus“ (1993), in der der Autor vor allem die politischen und ideologischen Verstrickungen zwischen Nationalsozialismus und der Arbeit am Stadttheater untersucht.

1933/34: Die nationalsozialistische Gleichschaltung und das „Führerprinzip“ erfassen auch den Orchestervorstand. (Seite 1 von 2) (Stadtarchiv C4/V/09/07)1933/34: Die nationalsozialistische Gleichschaltung und das „Führerprinzip“ erfassen auch den Orchestervorstand. (Seite 2 von 2) (Stadtarchiv C4/V/09/07) Die Beamtung von Musikern erforderte ab 1934 eine Erklärung zur arischen Abstammung und zur Parteizugehörigkeit. (C4/V/26/19) Die Beamtung von Musikern erforderte ab 1934 eine Erklärung zur arischen Abstammung und zur Parteizugehörigkeit. (C4/V/26/19) 1933/34: Die nationalsozialistische Gleichschaltung und das „Führerprinzip“ erfassen auch den Orchestervorstand. (Abb.1, Stadtarchiv C4/V/09/07). Die Beamtung von Musikern erforderte ab 1934 eine Erklärung zur arischen Abstammung und zur Parteizugehörigkeit. (Abb. 2 & 3, Stadtarchiv C4/V/26/19).

 

Neue Herausforderungen nach 1945

Mit den Nachkriegsjahren beginnt eine Zeit, die wir uns heute nicht mehr nur über Archivakten erschließen können, sondern auch durch die Befragung von Zeitzeugen. Wir haben deshalb einige jüngere und ältere Mitglieder des Philharmonischen Orchesters und des Theater Freiburg über ihre Erlebnisse mit dem Orchester befragt. Die vollständigen Gespräche finden sie hier oder oben im Menü unter „Interviews. An dieser Stelle wollen wir aber die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in groben Zügen nachzeichnen, wie sie sich uns im Laufe der Gespräche offenbart haben.

Das Philharmonische Orchester Freiburg in der 65. Jubiläumsspielzeit 1951/52. (Programmheft Spielzeit 1952/53)
Das Philharmonische Orchester Freiburg in der 65. Jubiläumsspielzeit 1951/52. (Programmheft Spielzeit 1952/53)

Schon im September 1945 nahm das Orchester den Konzertbetrieb wieder auf. Da das Stadttheater jedoch beim Bombenangriff auf Freiburg am 27. November 1944 zerstört worden war, musste das Orchester an andere Spielorte ausweichen. In den ersten Nachkriegsjahren zeigten viele Musiker auch persönliches Engagement bei den sogenannten Wiederaufbaukonzerten, mit denen Geld für die Rekonstruktion des Theaters gesammelt wurde. So erinnert sich etwa Matthias Plümer, von 1996 bis 2010 Technischer Direktor am Theater Freiburg, an die Erzählungen seines Vaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Konzertmeister im Philharmonischen Orchester spielte:

Mein Vater hat nach dem Krieg, das Theater war zerstört, viele Kammerkonzerte mit dem damaligen Oberbürgermeister Hoffmann gegeben, um den Wiederaufbau des Theaters zu unterstützen. Der Leuchter, der heute noch im Foyer des Theaters hängt, den hat mein Vater zusammen mit Herrn Hofmann erspielt.

Soziale Absicherung für die Musiker

Nicht nur das Theater wurde wieder aufgebaut (1949 begleitete das Philharmonische Orchester dort wieder die erste Opernaufführung), auch die junge bundesdeutsche Gesellschaft kam schnell wieder zu Wohlstand und förderte ihre dichte Kulturlandschaft. Seit 1971 werden die Orchestermusiker gewerkschaftlich durch den „Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern“ geschützt. Er regelt nicht nur die Gehälter, sondern etwa auch die Anzahl und Dauer der Proben und Dienste. Die Musiker in den öffentlich finanzierten Kulturorchestern sind heute in der Regel unbefristet angestellt und sozial gut abgesichert. Wolfram Gündel, seit 1975 Solobratscher im Philharmonischen Orchester und damit eines seiner dienstältesten Mitglieder, fasst die heutige Situation der Orchestermusikerinnen und -musiker zusammen:

Um aus dem Orchester zu fliegen, müsste ein Musiker schon so schlecht werden, dass man es wirklich merkt. Oder man geht freiwillig früh in Pension, dann meist aus körperlichen Gründen. Einige meiner alten Kollegen haben sich dazu entschieden. Gerade bei Streichern kommt das immer wieder vor. Die Haltung, in der wir unsere Instrumente spielen – dafür ist der Körper nicht gemacht. Es ist ein Unterschied, ob man das eine Stunde am Tag macht, oder ob man über 40 Jahre täglich drei bis sechs Stunden spielt. Dann addiert sich das zum Problem.

Nachwuchsmusiker

Während heutige Musiker nach ihrer Anstellung in einem Orchester nicht mehr von den Sorgen geplagt werden, die noch einige ihrer Kollegen vor einhundert Jahren zur Flucht aus Freiburg veranlassten, haben sich die Problem für viele Musiker in die Phase vor dem Eintritt in ein Orchester verschoben. Die Zahl der Absolventen deutscher Musikhochschulen hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen, zumal auch aus anderen Teilen der Welt viele junge Musiker wegen der renommierten Ausbildung nach Deutschland kommen. Damit wächst jedoch auch die Zahl derer, die sich auf die wenigen freien Stellen in den ca. 130 deutschen Kulturorchestern bewerben. „Als ich vorgespielt habe, waren wir drei Bewerber. Ich musste also nur besser als zwei andere sein“, erinnert sich Wolfram Gündel, der 1974 noch als Student im Philharmonischen Orchester anfing. „Heute sind es manchmal – gerade bei den Bläser-Stellen – dreihundert und mehr.“

Sich gegen diese harte Konkurrenz durchzusetzen und eine Stelle in einem Orchester zu erobern, ist heute vielleicht die größte Herausforderung in der Laufbahn eines Musikers. Die Orchester haben sich in den letzten zehn Jahren an diese neue Situation angepasst, indem sie junge Musiker meist noch während des Studiums als Praktikanten anstellen. So können die Studierenden schon die Arbeit im Orchester kennenlernen und die Orchester bekommen im Gegenzug Gelegenheit, den hochkarätigen Nachwuchs zu sondieren und sich personell vergleichsweise flexibel und kostengünstig zu verstärken.

Das Philharmonische Orchester Freiburg 2007.
Das Philharmonische Orchester Freiburg 2007.

Der Konkurrenzdruck auf die jungen Musiker hat allerdings einen großen Vorteil für das Orchester: „Der Nachwuchs ist besser geworden“, davon ist Wolfram Gündel überzeugt. Aber nicht nur das: Auch jünger, internationaler und weiblicher präsentiert sich das Philharmonische Orchester in den letzten Jahrzehnten. Waren viele Orchester noch in den ersten Nachkriegsjahrzehnten ausschließlich mit Männern besetzt, hat sich das Geschlechterverhältnis in manchen Instrumentengruppen komplett gewendet. Ein Beispiel für den jungen weiblichen Nachwuchs ist die Flötistin Myriam Stahlberger, die 2011 beim Philharmonischen Orchester ihre erste Festanstellung fand: „Gerade unter den Flötisten sind mittlerweile eher die Männer in der Minderzahl“, konstatiert Stahlberger, um gleich danach einzuschränken: „Aber ich glaube, es gibt schon noch einige Dirigenten ‚vom alten Schlag‘, die Frauen anders behandeln als Männer. Das habe ich schon erlebt.“

A-, B- und C-Orchester

In einem Punkt sind sich junge und die altgediente Musiker im Orchester absolut einig: Alle wünschen sich eine Vergrößerung des Orchesters durch die Schaffung neuer Stellen. Wolfram Gündel erklärt, warum:

Der wichtigste Wunsch ist immer, dass das Orchester auf so viele Stellen vergrößert wird, dass wir alle Werke mit unserer eigenen Besetzung spielen können. Für alles, was über eine Beethoven-Sinfonie hinausgeht, müssen wir zurzeit das Orchester mit Gastmusikern aufstocken. Das funktioniert schon sehr gut, aber es ist eben doch nicht unsere eigene Besetzung. Deshalb wäre eine Höherstufung zu einem A-Orchester schon eine deutliche Verbesserung.

Die deutschen Kulturorchester sind seit 1971, je nach der Anzahl ihrer Musiker, in verschiedene Kategorien eingeteilt. Das Philharmonische Orchester Freiburg entsprach nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen 52 Orchestermusikern einem heutigen Orchester der Kategorie C. Bis 1990 stieg diese Zahl auf 66 Musikerinnen und Musiker an, sodass das Phiharmonische Orchester inzwischen als B-Orchester klassifiziert ist. Diese Aufwertung hat nicht nur konkrete Vorteile für die Musiker und Musikerinnen – etwa steigende Gehälter und eine bessere Verteilung des Arbeitspensums –, sondern kann die Leistungsfähigkeit und die Atmosphäre im Orchesters positiv beeinflussen. Doch sind den Musikern die notorischen finanziellen Engpässe im Kultursektor nur zu bewusst. Myriam Stahlberger sieht die Chancen einer Höherstufung zum A-Orchester daher mit verhaltenem Optimismus:

Das wäre für das Orchester enorm motivierend. Aber so ein Schritt ist wohl eher ungewöhnlich und wir müssen froh sein, wenn alles so gut bleibt, wie es jetzt ist. Wir vertrauen auf die Unterstützung der Stadt.
Das Philharmonische Orchester Freiburg 2010.
Das Philharmonische Orchester Freiburg 2010.
Programmzettel des Philharmonischen Vereins von 1879 für ein Konzert mit Clara Schumann. (GLA Karlsruhe, N. Beringer 604)
Das städtische Orchester Freiburg im Jahr 1894 unter Kapellmeister Gustav Starke.
Die Vorlage des Stadtrats an den großen Bürgerausschuss zur Finanzierung eines städtischen Orchesters vom 28. März 1887. Damit war das Philharmonische Orchester offiziell gegründet. (Seite 1 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1)
Die Vorlage des Stadtrats an den großen Bürgerausschuss zur Finanzierung eines städtischen Orchesters vom 28. März 1887. Damit war das Philharmonische Orchester offiziell gegründet. (Seite 2 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1)
Teil der Vorlage an den großen Bürgerausschuss war auch ein ausführlicher Kostenvoranschlag. (Seite 3 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1)
Der Vertrag, den die ersten Musiker des städtischen Orchesters Freiburg 1887 unterschrieben. (Seite 1 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1)
Der Vertrag, den die ersten Musiker des städtischen Orchesters Freiburg 1887 unterschrieben. (Seite 2 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1)
Der Vertrag, den die ersten Musiker des städtischen Orchesters Freiburg 1887 unterschrieben. (Seite 3 von 3) (Stadtarchiv C2/44/1)
Die „Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg“ vom Jahr 1891 listet die mageren Jahresgehälter der Orchestermusiker auf. (Seite 1 von 3) (Stadtarchiv DSB IV 7 (1))
Die „Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg“ vom Jahr 1891 listet die mageren Jahresgehälter der Orchestermusiker auf. (Seite 2 von 3) (Stadtarchiv DSB IV 7 (1))
Die „Dienst und Gehaltsordnung für die Beamten der Stadt Freiburg“ vom Jahr 1891 listet die mageren Jahresgehälter der Orchestermusiker auf. (Seite 3 von 3) (Stadtarchiv DSB IV 7 (1))
1914 kam es zu einer Untersuchung des Orchesters, die dazu führte, daß einige Musiker pensioniert und andere verwarnt wurden. (Seite 1 von 2) (Stadtarchiv C4/5/18/2)
1914 kam es zu einer Untersuchung des Orchesters, die dazu führte, daß einige Musiker pensioniert und andere verwarnt wurden. (Seite 2 von 2) (Stadtarchiv C4/5/18/2)
1915: Weil das Philharmonische Orchester im Ersten Weltkrieg nicht spielt, bittet das Nationaltheater Mannheim darum, sein eigenes Orchester mit Freiburger Musikern wieder aufzufüllen. (Seite 1 von 2) (Stadtarchiv  DSB VIII b (19))
1915: Weil das Philharmonische Orchester im Ersten Weltkrieg nicht spielt, bittet das Nationaltheater Mannheim darum, sein eigenes Orchester mit Freiburger Musikern wieder aufzufüllen. (Seite 2 von 2) (Stadtarchiv  DSB VIII b (19))
1933/34: Die nationalsozialistische Gleichschaltung und das „Führerprinzip“ erfassen auch den Orchestervorstand. (Seite 1 von 2) (Stadtarchiv C4/V/09/07)
1933/34: Die nationalsozialistische Gleichschaltung und das „Führerprinzip“ erfassen auch den Orchestervorstand. (Seite 2 von 2) (Stadtarchiv C4/V/09/07)
Die Beamtung von Musikern erforderte ab 1934 eine Erklärung zur arischen Abstammung und zur Parteizugehörigkeit. (C4/V/26/19)
Die Beamtung von Musikern erforderte ab 1934 eine Erklärung zur arischen Abstammung und zur Parteizugehörigkeit. (C4/V/26/19)
April 1933: Nach der Machtergreifung der Nazis listet das Stadttheater seine „nicht arischen“ Mitarbeiter auf.
Das Philharmonische Orchester Freiburg im Jahr 1937. (Stadtarchiv C4/V/29/2)
Das Philharmonische Orchester Freiburg in der 65. Jubiläumsspielzeit 1951/52. (Programmheft Spielzeit 1952/53)
Das Philharmonische Orchester Freiburg in der Spielzeit 2007.
Das Philharmonische Orchester Freiburg 2010.